Reiseberichte
Eine Bahnfahrt auf Madagaskar
Von Christa und Dieter Paul.Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Erde und mit ca. 590 000 km2 mehr als 1 ½ mal so groß wie Deutschland. Für den Transport von Menschen (auf Madagaskar leben ca. 12 Mio. Einwohner) und Gütern gibt es ein Flugnetz von Air Madagaskar, ein sehr unterschiedlich ausgebautes Netz von Straßen und Pisten - und es fährt eine Eisenbahn.
Eigentlich gibt es 3 Linien: Eine Strecke führt von der Hauptstadt Antananarivo hinunter zur Hafenstadt Toamasina mit einer Stichstrecke Moramanga - Ambatondrazaka. Auf einem kurzen Stück von Ranomafana bis zur Küste gibt es sporadischen Personenverkehr, ansonsten fährt ab und zu ein Güterzug. Die Strecke Antananarivo - Antsirabe wird mit Hilfe Südafrikas gegenwärtig ausgebaut und soll bald wieder für den Personenverkehr eröffnet werden. Die ursprünglich geplante Verlängerung bis Fianarantsoa ist nie gebaut worden, so dass die 3. Strecke von Fianarantsoa im Hochland hinunter nach Manakara am indischen Ozean heute eine Einzellösung darstellt.
Die Strecke Fianarantsoa - Côte Est (FCE) wurde 1926-1936 in französischer Kolonialzeit in der Spurweite 1067 mm erbaut. Verwendet wurden Schienen von Krupp von 1888, die nach dem 1. Weltkrieg als Reparation nach Frankreich kamen und zum Teil heute noch liegen. 47 Brücken und 48 Tunnel, der Scheiteltunnel mit einer Länge von 1072 m, teilweise Radien von nur 80 m und Steigungen über 3 % müssen auf der Stecke von 163 km bei der Überwindung von 1100 m Höhe vom Zug geschafft werden. Eine imposante Leistung des Bahnbaues und des rollenden Materials! Nachdem verheerende Stürme die Strecke 2004 in Teilen erheblich beschädigten, der Betrieb monatelang ruhte, gibt es jetzt auf den neuen Teilabschnitten ein richtig gutes Gleisbett. Dreimal pro Woche verkehrt der Zug in jeder Richtung, ist für die teilweise nicht durch Straßen erreichbaren Dörfer Transport- und Kommunikationsmittel. Fällt der Zug aus, gibt es keinen Ersatz.
Genau das war kurz vor unserer Reise geschehen. Eine Diesellok war in Reparatur, die zweite hatte unterwegs einen Schaden erlitten. Eine Woche war kein Zug gefahren, und der erste wurde sehnlichst in Manakara erwartet.
Am Morgen war ein Tropenguss in Manakara nieder gegangen. 7 Uhr, zur offiziellen Abfahrtszeit, war auf dem Bahnhof von dem Zug noch keine Spur. Aber der Zug soll gestern noch seine Reise in Fianarantsoa begonnen haben. 9.45 Uhr dann die Überraschung: Eine Diesellok (Alsthom, Baujahr 1982, 800 PS) kam mit einem Güterwagen und 3 Personenwagen, voll beladen mit Personen und Waren der Bauern für den Markt (Mandarinen in Körben) in Manakara mit 12 Stunden Verspätung an.
Der Zug wendet über ein Gleisdreieck. Schließlich wird der Güterwagen zum Entladen an den Bahnsteig geschoben. Die Lok verschwindet zum Tanken im Lokschuppen. Die alten Lokführer gehen essen. Die neue Besatzung (3 Lokführer) ist noch nicht komplett.
Unterdessen werden die vielen Körbe mit Mandarinen ausgeladen. Das dauert etwas, denn die Körbe sind nicht so einfach den Besitzern zuzuordnen. Danach wird der Güterwagen mit Bauholz beladen, jeder Balken wird einzeln aus dem Bahnhofsgebäude geholt. Nach etwa einer Stunde, es ist inzwischen 10.45 Uhr, wird der Zug am Bahnsteig komplettiert: Die Diesellok von Alsthom, ein einfacher gedeckter Güterwagen, 2 Personenwagen aus Frankreich von 1956 und ein Personenwagen aus der Schweiz zum Schluss. Drinnen im Bahnhofsgebäude werden nun die Fahrkarten verkauft. Das Schild für die „1. Klasse“, ein Abteil im ersten Wagen mit mit Kunstleder gepolsterten Sitzen, wird aufgestellt und man darf einsteigen. Das sind, bei reservierten Plätzen, in der 1. Klasse neun Reisende und ein Polizist, in den anderen Wagen ist es schon deutlich voller.
11.10 Uhr mehrere Pfiffe der Lok, der Zugführer pfeift auf seiner Trillerpfeife sogar auf dem Bahnhofsvorplatz. 11.15 Uhr ruckelt der Zug los, parallel dazu kommt eine Ansage aus dem Lautsprecher. Halt nach 100 m, eine Frau kommt noch mit
2 Säcken. Noch einmal 100 m: Die Säcke werden wieder ausgeladen. Dann hüpfen wir von Schienenstoß zu Schienenstoß, 800 PS für max. 40 km/h. Die ersten 40 km ist die Strecke relativ eben. An den kleinen Stationen wird kurz gehalten, auch mal dazwischen, um Leute aufzunehmen.
Nach 1 ½ Stunden und 47 km erreichen wir nach einer großen Brücke den Ort Sahasinaka. Hier biegt die Straße nach Norden ab. Riesenverkaufstrubel auf dem Bahnhof. Auch die Lokführer laden Körbe mit Mandarinen auf die Lok. Dann wird die Lok abgekoppelt, fährt auf das Nebengleis, schiebt 2 Bauwagen zurück auf die Strecke und verschwindet in Richtung Manakara. Sie bringt Baumaterial zu einer Baustelle. Wir warten und schwitzen.16 Uhr kommt die Lok wieder. Wegen des enormen Andrangs entschließt man sich, noch einen (französischen) Personenwagen anzuhängen. Schließlich ist alles eingeladen und 16.32 Uhr geht die Fahrt weiter. Immergrüne Pflanzen rechts und links der Strecke, die langsam zu steigen beginnt.
Als der Zug 17.28 Uhr Fenomby erreicht, verschwindet die Sonne gerade hinter den Bergen. Unzählige Körbe mit Obst sind hier einzuladen, dazu schwere Säcke mit Manjok. Im Schein einer einzelnen Kerze werden die Frachtpapiere ausgestellt. Das benötigt Zeit. Die Lok hat sich inzwischen vom Zug entfernt. Sie bunkert Sand für die Bergfahrt und auf die Seitengänge werden Schienen zur Beschwerung geladen. Erst nach 2 Stunden geht es schließlich weiter.
Die nächsten Stationen erleben die Reisenden im Dunkeln. Die Strecke steigt weiter, am Faraony-Fluß entlang, an. Selbst in Manampatrana nach 84 km auf 206 m Höhe, hält der Zug nur 15 Minuten, obwohl hier sonst die Lokführer für eine Stunde zum Essen gehen. Dann nimmt die Steigung zu, auf 7 km bis Amboanjobe gewinnt die Strecke weitere 150 m an Höhe. Gespenstisch tauchen im Licht des großen Scheinwerfers der Lok (Sie fährt aus Gründen besserer Sicht für das Personal mit dem Führerstand voraus, das Licht strahlt rückwärts und damit den Zug an) Bananen, Bäume und Engelstrompeten auf.
Nach Tolongoina (km 101, 380 m hoch), wenige Körbe mit Früchten passen immer noch in den Güterwagen, wird es feucht und steil. Das steilste Teilstück liegt vor dem Zug, enge Kurven mit einer Steigung von 3,66 %. Die Kurven, der schwere Zug, nasse Schienen - trotz Sandstreuen, es rumpelt wie auf Kies, kommt der Zug mehrfach zum Stehen, rollt sogar kurz zurück. Wir kommen nur im Schritttempo vorwärts. So quält sich der Zug über 8 km von 380m auf 609 m Höhe in 47 Minuten. Dann tauchen wir echt in die Wolken. Nur in den Tunnels ist das Gleis einigermaßen trocken, aber zu kurz, um Schwung zu holen.
Von Andrambovato, 878 m NN, bis Ranomena, 1061 m NN, benötigt der Zug 1 Stunde für 7 km. Davon liegen 1072 m im längsten Tunnel der Strecke. Unterdessen ist es 0.47 Uhr. Ab Ranomena wird die Strecke flacher, das Hochland ist erreicht. Die Schienenstöße scheppern, die Wagen voller schlafender und schwitzender Menschen hüpfen und wanken. Kurz vor dem Endziel noch einmal laute Pfiffe der Lok - ein Zeichen für die Taxifahrer, dass der Zug kommt.
Fianarantsoa erreichen wir 2.22 Uhr nach einer Reise von 15 Stunden und 7 Min. für 163 km. Hut ab vor der Leistung der Lokführer!
Wir erwischen ein klappriges Renault-Taxi und sind rasch im Hotel. Diese Reise wird unvergesslich bleiben.
