Reiseberichte
Madagaskar
Von Hans J. Geppert.Erschienen im Rheinischen Merkur.
Die Toten sind immer dabei. Denn genau bedacht sind sie gar nicht tot, sondern schlafen nur, körperlos, und warten darauf, geweckt zu werden. Robin, der in Antananarivo Mathematik studiert hat, jedoch als Reiseleiter wesentlich mehr denn als Lehrer verdient, braucht das Geld dringend, um seinen schlafenden Ahnen die Famadihana auszurichten. Das geschieht alle drei bis fünf Jahre, je nach Kassenlage, und alle Verwandten werden dazu eingeladen, und dann wird gefeiert - gemeinsam mit den Toten. Famadihana heißt wörtlich übersetzt "Umwandlung der Toten".
Feierlich werden deren Gebeine ausgegraben, die Knochen sorgsam gesäubert, in frische Leinentücher eingeschlagen und durch das Dorf getragen. Die Musik spielt dazu, und den Ahnen wird berichtet, was alles sich in den vergangenen Jahren verändert hat: wer ein Kind bekommen hat, wo ein Haus gebaut worden ist, wer geheiratet hat oder warum das Zebu geschlachtet werden musste. Nach zwei oder auch drei Tagen, wenn die Toten alles gesehen haben und ihnen alles erzählt worden ist, wenn genügend gegessen und getrunken und getanzt worden ist, werden sie abermals bestattet und dürfen wieder einige Jahre ruhen, bis zur nächsten Famadihana.
"Im Namen Gottes und Allahs werde ich euch im Geiste der Ahnen in eine glückliche Zukunft führen", hatte der Präsident seine Neujahrsansprache beendet und den Madagassen aus der Seele gesprochen. Etwa 60 Prozent der Einwohner dieser viertgrößten Insel sind getauft, etwa zehn von hundert bekennen sich zum Islam, wenige sind Hinduisten, aber 100 Prozent hängen uraltem Ahnenkult an.
Madagaskar ist zwar ein moderner Staat mit eigener Fluggesellschaft, mit Verkehrschaos in der Hauptstadt, mit dem Versuch, Elektrizität auch in die entlegensten Landgebiete zu bringen und neuerdings sogar mit E-Mail-Adressen. Aber nahezu überall überlagert die Moderne nur das Alte. Auf Schritt und Tritt begegnen dem Touristen Besonderheiten, die es sonst nirgendwo auf der Erde gibt.
Auch den Ahnenkult, den die Ur-Einwanderer vor Zeiten aus der indonesischen Inselwelt und aus Malaysia mitgebracht haben, gibt es in dieser Form sonst nicht. In Süden des Landes wird der Tod in Stein gehauen oder in Holz geschnitzt. Skurrile Plastiken zeigen, wie das Kind ums Leben kam oder wodurch der Bruder gestorben ist. Der Betrachter sieht das Krokodil, das das kleine Mädchen verschlungen hat oder das Auto, in dem der junge Mann gegen den Baum gefahren ist. Sein Kopf hängt aus der aufgesprungenen Tür - Grabmäler zur Erinnerung an die letzten Minuten eines Lebens.
"Hier gibt es mehr zu sehen als Lemuren", sagt Robin. Doch das erfahren die meisten Touristen erst, wenn sie durch das Land fahren. Denn Hauptgrund für die etwa 5.000 Deutschen, die die Insel jährlich besuchen, sind zunächst die Tier- und Pflanzenwelt, die es nur auf Madagaskar gibt. Kenner sprechen auch vom sechsten, dem kleinsten Kontinent.
Madagaskar hat im Laufe der Erdgeschichte eine Entwicklung genommen, die es von der übrigen Welt getrennt hat. Als vor etwa 100 Millionen Jahren der Urkontinent Gondwana zerbrach und auseinander zu driften begann, und als sich langsam die heutigen Kontinente bildeten, blieben auf Madagaskar Lebensformen erhalten oder entwickelten sich wie in keinem anderen Land der Erde.
Zum Beispiel eben Lemuren, Halbaffen, seinerzeit wahrscheinlich die höchstentwickelten Säugetiere. Oder die Tanreks, die den Spitzmäusen und Igeln nahe stehen, Strahlenschildkröten, Goldfrösche, einmalige Chamäleonarten, Plattschwanzgeckos, deren Tarnung so vollkommen ist, dass sie auf Rinden oder Flechten kaum zu erkennen sind, oder Leguanarten, deren nächste Verwandte erst wieder in Südamerika zu finden sind.
Fast alle diese seltenen Tiere kann der Tourist mit ein wenig Glück in einem der Reservate in freier Natur bestaunen. Die gut versteckten Frösche finden die Führer ebenso wie die Chamäleons, die sogar in den Büschen am Straßenrand hocken. Und die Lemuren sind inzwischen so zahm, dass sie gelegentlich die Bananen aus der Hand fressen.
Es ist allerdings mühsam, die Naturparks zu erreichen. Durch Madagaskar zu reisen heißt, Strapazen auf sich zu nehmen. Denn sogar auf den wenigen Asphaltstraßen ist nur langsames Vorankommen. Für die etwa 80 Kilometer von Tolanaro im Süden des Landes bis in den Naturpark von Berenty braucht es gut drei Stunden, für 120 Kilometer von der Hauptstadt Antananarivo bis zu den Lemuren von Andasibe mehr als vier.
Doch die Fahrten werden nie langweilig. Nicht nur, weil es passieren kann, dass am Straßenrand ein umgestürzter Tanklastzug liegt, groß mit warnendem "Inflammable" beschriftet, und eine Menschenmenge rauchend daneben steht. Oder dass ein Verkehrstoter auch sechs Stunden nach dem Unfall noch mitten auf der Straße liegt, weil die Angehörigen nicht ausfindig gemacht worden sind, die den Leichentransport bezahlen müssen.
Die Natur entschädigt freilich die Reisemühen: Flaschenbäume und gertenschlanke Baobabs, Didieraceen, die wie lange, dünne Stachelsäulen meterhoch in den Himmel wachsen, und Krakenbäume, die zur Wasserersparnis die Photosynthese in der Rinde des Stammes bilden, Ylang-Ylang-Bäume, aus deren Blüten der Grundstoff vieler Parfüms gewonnen wird, und Dickfußpflanzen, die im Stamm Wasser für die Trockenzeit speichern, geben Landschaftsbilder von einmaliger Fremdheit. Und auf den beiden kleinen Madagaskar vorgelagerten Inseln Nosy Be und Nosy Boraha fehlt keines aller nur denkbaren Tropenklischees. Im Osten des Landes führt der Weg durch dichten Regenwald, und im Hochland unterwegs zu den Edelsteinminen von Antsirabe wechseln Eukalyptus mit weiten Weiden, auf denen Zebus grasen.
Die muss auch heute noch jeder junge Madagasse, der auf dem Land aufwächst, mit bloßer Hand fangen können und mindestens ein Tier aus der Herde stehlen, will er als erwachsen gelten. Nicht selten kommt dabei der eine oder andere zu Tode, und am Grabmal ist dann zu sehen, wie ihn der Stier auf die Hörner genommen hat. Wer freilich den Mannbarkeitsritus bestanden hat, darf abends seine Matte nehmen und schauen, welche der Dorfschönen ihn zu sich in ihre Hütte bittet. In manchen Gegenden Madagaskars haben sich Reste matriarchalischer Strukturen erhalten, und dort sind es die Frauen, die sich ihre Liebhaber wählen. Ihre Heiratschancen wachsen mit der Zahl ihrer Kinder.
Denn wie die Natur Madagaskars Einmaligkeiten zu bieten hat, so auch die Kultur. Weil Madagaskar gleichsam von zwei Seiten besiedelt worden ist, haben sich Afrikanisches und Asiatisches im Laufe der Jahrtausende zu eigenen Lebensformen entwickelt und doch auch nebeneinander erhalten. Manche Küstendörfer erinnern an afrikanische Krals, in Hochlandstädten ziehen Menschen mit tiefbrauner Haut, aber Mandelaugen und glattem Haar die Rikscha. An den Berghängen im Landesinneren schmiegen sich Reisterrassen wie auf Bali, im Süden ist die Luft trocken wie im Sahel und an heiligen Bäumen werden Opfertiere geschlachtet.
Oder direkt vor dem Hotel, wenn das neue Auto fady gesprochen wird. Fadys sind religiöse Tabus, die streng beachtet werden müssen und die die Menschen schützen, wenn diese die mit ihnen verbundenen Gesetze und Verbote beachten und die heiligen Handlungen respektieren. Seen können ebenso fady sein wie Berge, Tiere wie Pflanzen, Handlungen wie Gegenstände. Wehe dem Fremden, er unerlaubt ein Fady verletzt.
Es gibt Fadys, die jedes Mitglied eines Dorfes beachten muss, andere, die nur für Frauen oder nur für Männer gelten oder nur auf eine Familie beschränkt sind. Und jeder Tourist, der sich aufmacht in unwegsame Gegend, sollte zuvor fragen, ob er damit ein Fady verletzt. Allein der Dorfälteste oder Chef einer Gruppe hat das Recht und die Pflicht, neue Fadys auszusprechen oder alte aufzuheben. Die Fadys des Dorfes regulieren das soziale Leben mehr als jedes Gesetz aus der Hauptstadt. Daran haben weder französischer Kolonialismus etwas geändert noch zwanzig Jahre sozialistische Erziehungsversuche.
Vor dem Hotel haben sich alle Angestellten versammelt und hören mit ernsten Gesichtern darauf, was ihr Chef sagt. Der geht mit ebenso ernster Miene immer wieder um den neuen Landrover herum, macht uns unverständliche Handbewegungen, murmelt etwas, beginnt plötzlich zu singen und die Spannung löst sich in den Gesichtern.
Nun darf der Fahrer mit dem neuen Wagen fahren. Einen Führerschein, erfahren wir später, hat er nicht. Er wird trotzdem keinen Unfall haben. Denn das Auto ist fady, und wir erreichen den Flughafen ohne Zwischenfall.
Infokasten
Günstige Flüge nach Madagaskar bietet Air France von allen
großen deutschen Flughäfen via Paris. Die
innermadagassischen Flüge mit Air Madagascar sind sehr
günstig und kosten je nach Entfernung zwischen etwa 50 und 150 DM.
Viele Orte können allerdings nur mit dem Auto erreicht werden.
Mietwagen sind teuer (ab etwa 100 DM pro Tag mit Fahrer). Keinesfalls
sollte man Autos ohne Fahrer mieten, da die meisten Wagen in technisch
sehr schlechtem Zustand sind und notfalls der Fahrer dafür
verantwortlich ist, dass man das Reiseziel auch erreicht.
Amtssprache ist französisch, besonders auf dem Land sprechen viele
Bewohner allerdings nur madagassisch. Auch deshalb kann der Fahrer
hilfreich sein. Das Essen wiederum ist preiswert und meistens sehr
schmackhaft zubereitet. Ein Menü ist bereits für unter zehn
Mark zu haben, das große Bier kostet etwa zwei Mark.
Hotelpreise und Hotelstandards sind sehr unterschiedlich. Sehr gut und
vergleichsweise preiswert ist in Antananarivo das Hotel Royal
Palissandre im Zentrum für etwa 100 DM pro Nacht und Zimmer, in
Tolanaro (Fort Dauphin) das alte, aber restaurierte Kolonialhotel
Kaleta für etwa 50 Mark, auf Nosy Boraha (St. Marie) das Soanambo
für etwa 80 Mark. Es gibt auch sehr viel billigere
Unterkünfte, in denen man dann allerdings mit Ungeziefer oder
ähnlichen Unbilden rechnen muss.
Routenempfehlung
Weil der alte Königspalast in Antananarivo abgebrannt ist und
der berühmte Freitagsmarkt (Zoma) wegen Drogenhandels geschlossen
wurde, gibt es in der Hauptstadt keine besonderen touristischen
Attraktionen - außer, dass Tana malerisch schön in den
Bergen liegt und die alte Kolonialarchitektur zu Spaziergängen
reizt. Es empfiehlt sich, Tana als Ausgangspunkt für sternartige
Fahrten oder Flüge zu nehmen.
Beispielsweise in den Süden nach Tolanaro, wo die Brandung hoch
ist wie sonst nur vor Hawaii. Von Tolanaro aus kann man in das
Naturreservat von Berenty fahren (teuer, etwa 300 DM) oder sich die
Lemuren billiger im Reservat von Nahampoana ansehen (etwa 50 Mark).
Eine Tagestour von Tana aus führt durch das Hochland in den Kurort
Antsirabe, in dem angeblich die besten Halbedelsteine der ganzen Welt
gefunden und verkauft werden; eine Zweitagestour in das Naturreservat
von Andasibe im Osten das Landes, das in dichtem Regenwald liegt, einem
der letzten intakten Primärwälder dieser Erde
(Übernachtung in einer einfachen, aber sauberen Lodge).
Mit dem Taxi ist von Tana aus die der Urbevölkerung heilige Stadt
Ambohimanga zu erreichen, mit alten Stadttoren und sehr sehenswerter
Burganlage, in der die Könige des Hochlandes lebten und sich - zum
Beispiel - aus Angst vor fremden Besuchern gelegentlich hoch unter dem
Dach versteckten und Frau Königin den Empfang der Gäste und
die Regierungsverhandlungen überließen.
Zum Abschluss jeder Madagaskar-Reise empfehlen sich einige Tage
Badeurlaub entweder auf Nosy Be im Nordwesten, einer freilich
inzwischen touristisch überlaufenen Insel, oder auf Nosy Boraha im
Osten, bisher kaum von Fremden besucht.
