Reiseberichte
Rote Erde - Chamäleons und Lemuren
Von Steffen Koch, Leipzig04.-27.04.2003 Trekking DAV über Madagaskar Travel
Madagaskar - verlockendes Ziel im fernen, Indischen Ozean,
abenteuerliche Insel aus Seefahrerberichten, geheimnisvolle
Unerforschtheit der Natur ... Es einmal mit eigenen Augen zu
betrachten, war nicht so einfach. Überteuerte Preise,
ungünstige Reisezeiten und zuletzt innenpolitische Unruhen,
bedeuteten mehrmals den Termin zu verschieben.
Wegen fehlender Infrastruktur misst man die Entfernung zwischen den
Orten nicht in Kilometern, sondern in Reisetagen. Keine leichte
Aufgabe, alle sehenswerten Reiseziele in drei Wochen anzusteuern. Wer
fährt alles mit? Letztlich stand fest: Das Land erkunden werden
Herbert aus Augsburg, Rudi und Rainer aus Bonn, die sich aus Nepal
kannten, und wir, meine Frau Petra und ich.
Die Republik Madagaskar hat eine Fläche von 587 000
km ² (die Größe Frankreichs) auf der etwa 14
Millionen Menschen leben. Die Insel erstreckt sich 1 580 km in die
Länge, 580 km in die Breite und liegt 400 km vom afrikanischen
Festland entfernt. Die Einwohner sind ansehnliche, braune Mischlinge
aus afrikanischen-arabischen-indonesischen Räumen. Das spiegelt
sich auch in Sprache und Religion wider. Amtssprachen sind Malagassy
und Französisch. Währung ist der madagassische Franc, 6 800
erhalten wir für 1 EUR. Das Klima ist subtropisch, unterschieden
nach feuchtheißem Südsommer und trocknerem Südwinter.
Der Süden und südliche Westen sind immer trocken. Das
zentrale Hochland und die Ostküste erfreuen sich ganzjähriger
Regengüsse.
Die Wirtschaft in einem der ärmsten Länder der Erde ist
infolge staatlicher Korruption und Misswirtschaft bedeutungslos. Auch
nach dem Abzug der Kolonialmacht Frankreich 1960 hat sich nicht viel
gebessert. Die Präsidenten - die reichsten der Welt - wirtschaften
nur in die eigene Tasche. Absolut unzureichende Infrastruktur, fehlende
Finanzmittel und Konzeptionslosigkeit bringen keinen Erfolg.
Hungersnöte treffen den Süden des Landes nur bei extremen
Dürren; Böden und fleißiger Ackerbau ernähren im
allgemeinen Land und Leute. Exportiert werden Gewürze, besonders
Vanille, ca. 80 Prozent des Weltbedarfs, einige landwirtschaftliche
Produkte.
Flora und Fauna: 80 bis 90 Prozent aller Arten in Madagaskar wachsen
endemisch. 2 000 Pflanzen sind in Deutschland klassifiziert, in
Madagaskar sind 8 000 bekannt und schätzungsweise die gleiche Zahl
unerforscht. Täglich werden durch Brandrodung diverse Arten
vernichtet, ehe sie überhaupt entdeckt und katalogisiert werden.
Die Hauptstadt heißt Antananarivo, kurz Tana. Etwa 1,5 Millionen Einwohner leben hier in angenehmem Klima.
Den Bericht schreibe ich im Krankenhaus, wo ich meine Malaria tropica ausheile. Ich hoffe, mein Gedächtnis hat bei dem hohen Fieber nicht allzu sehr gelitten.
04.04.2003
Ein Gärtner verlässt ungern im Frühjahr Haus und Hof. Alle Fensterbretter sind vollgepackt mit Sämlingen in Folienbeuteln und warten, wie alle eingeräumten Pflanzen, auf Wiederkehr und Frühlingssonne.
Nach nächtlicher, telefonischer Übergabe mit meiner
Schwester fahren wir am Morgen im ICE nach Frankfurt (die Beschaffung
einigermaßen günstiger Fahrkarten erwies sich als
aufwendigste Vorbereitung des Urlaubs).
Unsere Platzkarten berechtigen zur "Führerstandsmitfahrt". Dazu
verscheucht Petra erst einmal Herrn Nils Gormsen von unserem Sitz.
Später haben wir uns noch freundlich unterhalten. Es ist fesselnd,
dem Lokführer über die Schulter zu blicken und die Steuerung
des Zuges mit zwei Hebeln zu verfolgen.
Auf dem Flughafen treffen wir auf die drei weiteren
Madagaskar-Begeisterten und wollen zunächst unsere großen
Rucksäcke loswerden. Wir fliegen nach Paris und von dort nach
Tana. Doch wie immer, es dauert.
Mit einer Stunde Verspätung geht die Boeing 767 der Air Madagascar
in die Luft, fliegt in die Nacht. Es ist heiß, und schon ist der
erste Urlaubstag vorbei.
05.04.2003
Der Pilot weist auf den Kilimandscharo, den wir gerade
überfliegen. Bei grellem Morgenlicht ragt er bizarr ohne Schnee
aus dem Dschungel, lässt sich in den Krater schauen - ein
aufregendes Bild. Einige Menschen, die am Fenster sitzen, haben nicht
einen Blick dafür übrig! Später erkennt man
Strandsäume, gischtende Wellen, grünes Wasser, rote Erde. Mit
Verspätung landen wir auf dem bescheidenen Flughafen, beim Gehen
zum Zollgebäude werde ich energisch aufs Fotoverbot hingewiesen.
Die Einreisepapiere werden aufwendig kontrolliert, ein Visum hätte
man auch hier erhalten. Nach dem Geldtausch sind wir Millionäre.
Wir werden von Lala, der Vertreterin des Reiseunternehmens, und Mami,
dem Dolmetscher, empfangen, herzlich begrüßt und klettern in
einen Kleinbus, der uns zum Hotel "Gregoire" bringen soll. Nach 80
Metern Fahrt wird unser Auto zum ersten Mal kontrolliert. Die Reise in
die Stadt führt an schäbigen Hütten vorbei, überall
wuseliges Treiben an Straßenständen und dazu quirliger
Autoverkehr. Werkstätten werben für gebrauchte Reifen,
verrostete Autoteile ...
Wer diese Zustände nicht kennt, erleidet einen Kulturschock und
kehrt um. Für uns aber bietet sich eine farbige Palette ungeahnter
Sehenswürdigkeiten.
Das feine Hotel "Gregoire" liegt entfernt von den "besseren" Stadtvierteln. Der Blick aus dem Fenster ist exotisch, die Küche exzellent. Als Urlaubsauftakt bestellen wir ein madagassisches Menü (Reis, zweimal Zebufleisch, Maniok-Blattgemüse, scharfe Soßen). Das Bier dazu genügt auch verwöhnten Kehlen. Der Küche lassen wir unser Lob vermitteln.
Bei folgender Stadtrundfahrt bietet sich ein Blick vom Aussichtsberg
mit dem 1996 ausgebrannten Regierungspalast Rova auf Tana: eine locker
gebaute dörfliche Siedlung inmitten von Bergen, viel Wasser in
Flussläufen, Reisfeldern und Seen. Ein Bummel durch den
botanischen Garten (Tsimbazaza), ist interessant. Die hier wachsenden,
für uns seltenen und kostbaren Sukkulenten und andere uns
unbekannte blühende Büsche sind sehenswert. In Käfigen
werden auch viele Lemurenarten gehalten.
Das angegliederte Museum lohnt sich zu besuchen.
Kulturgegenstände, Werkzeuge, Musikinstrumente, Schmetterlinge,
Insekten, Dinosaurierknochen ... Alles wird in unglaublicher
Größe vorgeführt. Der ausgestorbene Vogel Rock hatte
eine Größe von vier Metern. Mami ist allseitig gebildet, hat
im Goethe-Institut Germanistik studiert. In verständlichem Deutsch
vermittelt er uns Wissenswertes aus Geschichte, Fauna, Flora u. a.
Die Zeit bis zum Abendbrot nutzen wir, den Straßenmarkt um das
Hotel herum zu inspizieren: immer chamäleonartig ein Auge auf den
Fußweg gerichtet, wo viele Kanalabdeckungen fehlen. Überall
wird gebacken, gebrutzelt. Fleischstücke, Fische, Obst und
Gemüse werden noch schnell verkauft. Um 18 Uhr wird es schlagartig
dunkel. Straßenbeleuchtung ist stellenweise angedeutet. Der Mond
scheint spärlich im ersten Viertel mit zunehmender Tendenz.
(Umgekehrt zur Nordhalbkugel: Es ließe sich aus ihm ein a
vervollständigen).
Zum Abendbrot wählen wir einen ganzen Fisch und einen landesüblichen aromatischen Vanille-Rum zur Verdauung; trotz lauter Nacht schlafen wir sehr gut.
06.04.2003
Nach dem Frühstück fahren wir mit einem Allradfahrzeug
nach Ambatolampy. Wir sehen noch einiges von Tana, weil Mami eine
Nachricht übermitteln will.
Am Flussufer waschen Hunderte Frauen und trocknen bunte Fahnen an der
Böschung. Monströse Lasten werden auf Rikschas transportiert.
Dicke Mercedes Benz kämpfen wie Renault R4 um freie Fahrt. Farbige
in Schlips und Kragen laufen neben ärmsten Menschen in Lumpen.
Wellblechkaten stehen hinter Steinhäusern.
Auf der asphaltierten National 7 rollen wir gen Süden. Die
Straße wird gesäumt von Obstständen, üppigst
blühenden Büschen von gelben Lupinen, Weihnachtssternen,
Datura; vor den mit Maiskolben garnierten roten Lehmziegelhäusern,
sieht man niedliche spielende Kinder, holzschleppende Einwohner,
rauchende Meiler; vorbei an endlosen Reisfeldern ...
Es ist Sonntag, viele Passanten haben schmucke weiße Kleidung an.
In Ambatolampy wird zur Mittagsrast gehalten: Lammfleischknochen und
Reis, das beste ist die Soße.
Nach Passieren des Tores zum Angab Andraraty folgt die Auffahrt zum Forstreservat Piscicole de Manjakatompu. In 2 000 Meter Höhe schaukeln wir auf schlechter Piste. Das Vorhaben, den glitschigen Weg weiter nach oben zu fahren, geben wir auf, weil ein Gewitter aufzieht. Also zurück in die alte Fischzuchtstation. Von Entwicklungsgeldern wurde die einst schöne Anlage erbaut und bietet jetzt als Ruine nur noch ein trockenes Dach über dem Kopf. Auf den Holzlagerstätten breiten wir unsere Schlafmatten aus. Während überm Feuerchen ein warmes Abendessen zubereitet wird, ergießen sich draußen Fluten vom Himmel. Der uns aufmerksam bewachende Hund frisst gierig Weißbrot. Weil er so brav ist, kriegt er die Hühnerfleischreste.
07.04.2003
Es hat abgeregnet; Morgenrot - blauer Himmel. Auf der schmierigen Piste geht es weiter aufwärts. Pascal begleitet uns, ein staatlich angestellter, barfüßiger drahtiger Forsthüter, der auf einsamen Posten viele Hektar Wald gegen Kahlschlag verteidigen muss. Er wird uns zum Tsiafajavona (2 643 m), dem heiligen Berg, führen. Im Wald, am Wegesrand, stehen Hütten für religiöse Festlichkeiten. An den Bäumen wachsen Orchideen.
Nun bleiben wir doch stecken. Und behende Versuche, das Auto flott
zu kriegen, versagen. So laufen wir los, erst durch geschützten,
langnadligen Kiefernwald (hier wachsen Kuhpilze und Milchlinge),
später über grasbestandene Berglandschaft. Die Sonne brennt
erbarmungslos vom blanken Himmel. Alle vulkanischen Bergspitzen sind
bis zum Horizont gerodet und mit einem grünen Teppich bewachsen.
In der klaren Luft erfreut man sich an einer enormen Fernsicht. Nach
einigen Stunden bergauf, bergab, bergauf stehen wir auf dem Gipfel. Aus
Basaltblöcken ist hier eine mannshohe quadratische Mauer
errichtet. Auf den Steinen erkennt man noch Blut und Federn von vorigen
Opfergaben. Schon kommt eine Gruppe herauf. Eine Gitarre, ein lebendes
Huhn und Reis werden mitgebracht. Sie steigen in das steinerne Karree,
beginnen zu spielen und singen. Die ruhigen Gesänge zum
Gitarrenspiel fesseln uns. Zum gemeinsamen Mahl mit den Ahnen wird das
Federvieh geschlachtet, dazu redet sich das Familienoberhaupt in
Trance: "Wir haben kein Geld, kein Parfüm, bitten aber unsere
Ahnen zur Unterstützung unseres Vorhabens" (Hausbau), dolmetscht
uns Mami.
Beeindruckt steigen wir leise während der Vorstellung ab.
Vom Forstlager fahren wir gestärkt zurück zum Gatter, das ist
aber schon zugesperrt. Wir lassen nach dem Schlüsselgewaltigen
forschen. Hinter uns geistert das Gewitter in den Bergen, wir
beschäftigen uns die Dreiviertelstunde mit den Kindern, dann wird
es schon dunkel.
Die moorige Piste ist nach nächtlichen Gewitterfluten noch
schlimmer zugerichtet. Der Fahrer sucht zwischen dem zuckenden Licht
der Blitze den besten Weg. Aber es kommt noch viel dicker:
Abschüssige rote Schlammpfade mit radtiefen Gräben,
Wasserlachen, Sumpflöchern lassen uns in dem Auto heftig hin und
her rutschen, schlingern, schleudern, schaukeln, kippen, aufsitzen ...
Hinwärts sind wir schon ausgestiegen und gelaufen. Aber jetzt im
Regen, in stockdunkler Nacht ohne Taschenlampe (auf dem Dach verpackt),
durch knietiefen Modder waten? Atemberaubend krachende Geräusche
oder Petras Aufschreien - mein Gott, ich glaube nicht an ein
Durchkommen. Anerkennung der Leistung des Fahrers! Ich werde den
Geistern wohl auch ein Huhn opfern. Endlich schlittern wir bergab in
ein schwach erleuchtetes Dorf. Selbst dort ist der Weg nicht besser,
wir kommen aber auf die N 7 und meinen, unser treues Auto sei defekt.
Es liegt am Schlamm, der noch zentnerweise auf die Reifenspur
fällt. 90 km Spaß, Ernst, Schreck und Abenteuer. Jetzt
lachen wir, denn unter uns liegt Asphalt! Das Scheinwerferlicht streift
unbeleuchtete Holzkarrenlenker, die riesige Feuerholztürme in die
nächste Bäckerei schieben. Die selbst gefertigten
Lastenkarren werden auf ausgedienten Kugellagern bewegt.
Es strömt vom Himmel, so beziehen wir statt Zelten Hotelbetten in Antsirabe. Rikschafahrer rufen uns zum Fenster, sie führen uns gern zur Disco.
08.04.2003
Morgendliche Fahrt durch den schmucken Ort Antsirabe, Mami
erklärt viel zu dieser reichen Industriestadt, die u. a. eine
Molkerei, Brauerei, Edelsteinschleifereien besitzt. Beim Halt in einer
Hotelanlage blicken wir über die schön angelegte Stadt.
Einige der früher beliebt-bekannten Kuranlagen sind verfallen.
Auffällig sind die zahlreichen Rikschafahrer.
Unterwegs erfreuen wir uns an der Färbung der geschickt
angelegten, zum Teil terrassierten Reisfelder, begrüßen eine
Bauernfamilie, verschenken einiges zur Freude aller. Die Frauen
kämmen sich ihre Haare vor dem Foto. Auf einem lebhaften Markt
fotografieren wir das exotische Treiben. Man bestaunt uns, wie wir die
kleinen Schweine in ihren Einkaufstaschen.
In Ambositra essen wir gut madagassisch. Vorher bewundern wir in
einer Holzschnitzerei einige sehr ausdrucksvolle Kunstarbeiten und
sehen, wie Rosenholz und Palisander verarbeitet wird.
Bei einer Edelsteinschleiferei führt uns wieder Mami fach- und
sachkundig. In der Verkaufsabteilung glitzern die Raritäten im
gebündelten Licht und verführen erfolgreich zum Kauf.
Vielgestaltige Natur, welche versteckte und versteinerte Schönheit
findet sich noch im Detail!
Auf der Straße winken hübsche Frauen mit filigran gestickten
Tischdecken, denen im Prinzip nur Männer widerstehen können -
den Tischdecken!
Die glatte Teerstraße windet sich durch liebliche grüne
Berglandschaft, jetzt zum Nachmittag türmen sich gewaltige
Gewitterwolken auf. Die Straßenränder werden zum
Reistrocknen genutzt. Häufig sind diese Teppiche zu sehen.
Unschön fallen die angekohlten Alleebäume ins Auge. Wie
überall werden die Bäume systematisch zum Absterben
vorbereitet, wenn sie dann trocken, werden sie gefällt und nur die
äste für das Herdfeuer abgeschlagen. Böser Frevel,
täglich zu beobachten und Anlass zur Kritik.
Besuchen Sie Madagaskar, solange noch einige Bäume stehen!
Wir kommen nur langsam voran, große Zebuherden werden auf der
Straße Richtung Tana zum Schlachten getrieben. Noch immer haben
sie 300 km Strecke vor sich. Sie kommen aus dem Süden und sind
Wochen unterwegs. Hübsche junge Hirten begleiten die
kräftigen Tiere. Gelegentlich wird Feuerholz auf zweirädrigen
Holzkarren von Zebus transportiert. Die Lehmhäuser sind weiß
gekalkt, weil hier Kreide vorkommt. Wasserfälle gibt es zu
bestaunen, viele breite Flüsse, verschwenderische
Blütenbüsche und mächtige Agaven.
Am Himmel braut sich ein Gewitter zusammen, die großen Spinnen
verziehen sich ins Blattwerk. Wir verlassen die N 7 und tauchen ab in
den roten Schlamm. Da fallen schon die Regenfluten im Stück vom
Himmel. Durch die Ritzen des Autos strömt das Wasser. Wir
schlingern bedrohlich hin und her. Petra schreit auf, Rainer lacht bei
seiner Kap-Horn-Umseglung, nebenbei die Löcher zustopfend und wir
versuchen, davon einige Bilder zu machen. Durch Regenschleier ist
schwer zu erkennen, fahren wir noch auf der Piste oder schon im Fluss,
wo ist oben, wo ist unten? Es holpert und kratzt unter uns, gurgelt,
rauscht ... Der Regenwald wird dicht, verwobenes nasses Grün,
Wasser stürzt überall herab, rechts tost der Fluss und dichte
Nebelschwaden verhüllen die Szenerie.
Letztlich beziehen wir die "Domaine Nature" bei Ranomafana, eine romantische Anlage am Berghang, kleine Stelzenhütten lassen sich über Leitern und steile Holzstufen erobern.
Auf geht's zur Nachtwanderung in den Regenwald! Mit Taschenlampe und
verhüllt gegen Blutegel und andere Plagegeister ziehen wir durch
den dampfenden Wald. Seltsame Geräusche, zirpen, Vogelstimmen
lassen die Gegend schon etwas geheimnisvoll wirken. Der Ortskundige
zeigt uns die kleinsten Chamäleons, die sich wie ein Stück
Ast tarnen. Mausmakis werden mit reifen Bananen angelockt. Die
witzigen, wühlmausgroßen Makis mit ihren großen,
runden Augen kommen, um an den mit reifen Früchten behangenen
Zweigen zu naschen.
Später essen wir jeder einen Süßwasserraubfisch Tilapia
- vorzüglich! - und lernen, wie man geschickt die Gräten
aussortiert. Zum Üben gibt es noch oft Gelegenheit. Dann spielen
zu meiner großen Freude Musiker mit ihren Valiha auf. Um
Bambusröhren sind Saiten vertikal gespannt und werden wie Gitarren
gespielt. Trommeln geben zum Gesang den Rhythmus.
09.04.2003
Frühstück, warten auf Mami, (Mora, Mora), kurze Fahrt zum Park. Marsch durch nassen, schlammigen Wald. Von den Bäumen hängen Lianen und Flechten. Wildwachsende Bananen, Guaven, Baumfarne, Nestfarne, Rhipsalis und wuchtige Exemplare von Pandanuss erfreuen hier den Pflanzenfreund. Lemuren toben in den Baumwipfeln, es sind graue Bambus- und braune Lemuren. Später treffen wir auf Rotbauchmakis mit den weißen Augenringen. Weil wir etwa eine Stunde verweilen, verlieren sie ihre Scheu. Ich halte ihnen meine Brille entgegen, einer steigt herab, um sie sich aus der Nähe zu betrachten. Dabei gelingen bessere Fotos, als heute Morgen im Gegenlicht. Der weitere Weg bringt nichts Spektakuläres, außer einigen schönen Schmetterlingen; die Pflanzen des Urwaldes sind vielgestaltig. Unbemerkt zapfen uns Blutegel an, sie finden die weiten Maschen in den Socken und kriechen unter den Hosenbeinen empor.
Wir fahren bei den Lehrerinnen des Dorfes vorbei, Mami überbringt Geld zur Unterstützung ihrer Forschungsprojekte. Sie erhalten 20 DM Lohn im Monat, sagt er. Wir haben mechanische Armbanduhren mitgenommen, die wir für sie hinterlassen.
Zum Mittag essen wir wieder so ein zartes Zebusteak, wie es nur in Madagaskar serviert wird, und üblicherweise als Nachtisch die sonnengereifte, köstliche Ananas.
Die Fahrt geht weiter, in Richtung Ambalavao, wir wollen wieder zur N 7. Wir benutzen heute einen anderen Pfad. Die Schlammfurchen werden immer chaotischer. Vor uns Stau, ein Lkw ist im Morast versunken. Ein Raupenschlepper müht sich vergeblich, ihn im Ganzen herauszuziehen. Umkehr! Zurück! Und sich kräftig auf der gestrigen Piste durchschütteln lassen. Auch ohne Gewitterregen erleben wir noch atemberaubende Durchfahrten. Viele schwere Lkw zerwühlen vor uns die letzte Fahrspur. Wie sieht es hier wohl während der Regenzeit aus?
In Fianarantsoa herrscht lebendiges Treiben. In einer Konditorei,
die neben Hotels und Geschäften dem Bürgermeister
gehört, wird bei einem Kuchenstück Geld gewechselt. (Das
ewige Problem, an Kleingeld zu gelangen!). Die Verkäuferinnen
wollen auch mal durch meine Kamera schauen.
Bis jetzt führte die Straße mit tausend Kurven durch
herrlich grüne, gebirgige Gegend, alles bei extremer Fernsicht.
Die Verkehrsschilder sind aus Beton gegossen und angestrichen. Frauen
mit Lasten in Bastkörben auf dem Kopf kommen vom Markt
zurück, ihre Wegstrecke beträgt 35 km! Bessergestellte
benutzen die zweirädrigen Holzkarren, um ihre restlichen
Reissäcke heimzubringen. In Ambalavoa essen wir wieder Tilapia und
probieren einen Rum. Petra bestellt sich lokalen Rotwein, beim
Korkenziehen bricht die Kellnerin den Flaschenhals ab.
10.04.2003
Nach dem Frühstück in der Morgensonne klopfe ich die
herumstehenden Pflanzen zur Samengewinnung ab, dann besichtigen wir die
berühmte Papierfabrik. Aus Reisstrohteig wird das Papier
handgeschöpft, mit Naturblüten geschmückt, so entstehen
unter zarten Händen Kunstwerke.
Den Markt wollen wir uns nicht entgehen lassen. Gemüse, Ananas,
Khaki, Bananen, Guaven, Erdnüsse, Limonen, Brotfrüchte sehen
appetitlich aus. Das aufgebahrte Federvieh und die hängenden,
fliegenumschwärmten Fleischteile schon weit weniger. Es riecht
nach Trockenfisch und -krabben. Viele Produkte werden aus Säcken
verkauft.
Herbert zeigt den Jungen die Funktion der Videokamera. Daraufhin ist er
umschwärmt wie eine Bienenkönigin.
Weiterfahrt ins Dorf Sendriosa durch herrlich sonnendurchflutete
Landschaft, rote Erde, goldene Reisfelder, Gladiolen, Cosmea,
Etagendisteln, Lupinen, Monbretien, Ingwer, alles blüht
verschwenderisch. Liebenswürdige Dorfbewohner grüßen,
Kinder laufen uns entgegen. Mittagsrast unter ausnahmsloser Teilnahme
der Dorfbewohner. Die Hunde erbitten übrige Käserinden. In
sengender Mittagssonne geht es straff vier Stunden bergauf und bergab
nach Antanifotsy. Die Haut rötet sich unterm Hemd, die Bäume
am Wegesrand sind auch angekohlt.
Im Andringitra-Nationalpark zelten wir. Genüsslich waschen wir uns
im Fluss, die Träger haben schon Tee gekocht (vom Waschwasser).
Abendessen bei Mondschein mit Blick auf die angestrahlten Granitberge
und das Kreuz des Südens. Mami erzählt vom Kult der
Totenumbettung als Dank an die Ahnen. Es ist ein kostspieliger Aufwand
aller Verwandten, die Familienältesten müssen weitschweifige
Reden halten, Zebuopfer darbringen. Etwa alle fünf Jahre wird die
Zeremonie wiederholt.
11.04.2003
Um 6 Uhr wird es ohne Dämmerung Tag. Beizeiten wandern wir zum
nächsten Zeltplatz auf 2 035 Meter. Der Anstieg durch dichten
Buschwald ist schweißtreibend, trotz der Bewölkung. Beim
Flussdurchqueren schätzt man ein kühlendes Fußbad.
Später entdecken wir noch Chamäleons an den brusthohen
Preiselbeerbüschen - mit süßen Früchten! Der
Zeltplatz liegt inmitten einer Blumenwiese am Fuße der Felsen.
Nach dem Essen gewittert es, wir sitzen im Schutz der
Grasdachhütte, Feuer qualmt unter verrußten Töpfen
zwischen den barfüßigen Trägern. Mami zupft auf der
Gitarre, singt oder berichtet vom Studium, zitiert Kafka, Brecht,
Rilke, Luther. Wenn er von der deutschen Geschichte erzählt,
verkrieche ich mich etwas nach hinten.
In der Botanik und Zoologie beherrscht er alle lateinischen Namen, inbegriffen die der vielen Sukkulenten.
Dann spielt und singt der sympathische Träger auf der Gitarre aus
Kistenholz, Angelschnur, Bowdenseilen, Bleistiften. Wohltuend ist ihr
Umgangston, gelassen, ruhig, freundlich, warm, leise.
12.04.2003
Bei Sonnenschein steigen wir schon um 7.30 Uhr über den
Gebirgskamm zum Pic Boby, mit 2 659 Metern der zweithöchste Berg
Madagaskars. Hohe Steine, Stufen, "Brücken" über klare
Bäche sind zu bewältigen. Viele seltene, unbekannte,
blühende Pflanzen, Chamäleons, Eidechsen, rote
Webervögel, Frösche. Erbarmungslose Sonne treibt den
Schweiß in die Augen. Tief unter uns ist der Zeltplatz zu sehen,
Wolkenbäusche, weitläufige Landschaft.
Rainer plagt Durchfall, er bleibt zurück. Der Granitberg ist jetzt
zu sehen. Über steile, runde, aber griffige Platten geht es nach
oben. Ein merkwürdiger Fels! Zwei Einheimische gehen mit, einer in
Plastiksandalen, einer barfuß! Während der Gipfelrast wird
fotografiert, Schokolade getauscht, ich muss uns im Gipfelbuch
verewigen. Ein schöner Ausblick lohnt die Mühen: Man sieht
überall die abgerundeten, seltsamen Steinplatten und unter uns auf
mächtige Wolken.
Beim Abstieg krachen die ungeübten Gelenke. Nicht bei Herbert und Rudi, die sind gut in Form.
Ein Deutscher begegnet uns, strebt mit Führern aufwärts, mit
ihm haben wir schon in der Papierfabrik gesprochen. Zum letzten Camp
zurückgekehrt gibt es Mittagsrast, Waschen, dann weiter
abwärts. Es wird warm, der Weg zieht sich. In Antanifotsy sehen
wir, wie Reis gestampft wird (also von der harten Schale befreit). Rudi
und Herbert laufen durch, wir gönnen uns, die letzten 1 500 Meter
per Auto zum Zeltplatz zu fahren. Waschen am Fluss, Zeltbau,
Regenschauer, die Kinder des Dorfes schauen gebannt auf unser Treiben:
Was doch Weiße (Vazaha) alles so mit sich herumschleppen. Die
Kinder verstecken sich unter einer Folie vor dem Regen. Petra schenkt
ihnen Herberts Stifte, ganz brav warten sie, bis sie an der Reihe sind.
Es schläft sich gut bei Wasserrauschen und Grillenzirpen.
13.04.2003
Das Tauwasser der Nacht beult das Zeltvordach ein, das Thermometer
zeigt 8 °C. Um 7.30 Uhr laufen wir los, denn etwa 8 Stunden Wegzeit
sind für heute angezeigt. Wir wollen das Andringitra-Gebirge
überschreiten. Zunächst geht es entlang durch Reisfelder,
kleine Siedlungen, bergauf auf nassen, rutschigen, roten Pfaden. Die
Einheimischen, voran die Kinder, nehmen an uns regen Anteil. "Salam,
Vazaha" (Willkommen, Weißer) rufen sie aus den Feldern von
weitem, obwohl man niemanden sieht.
Männer begegnen uns, fein gekleidet: weiße Hemden, rote
Schärpen, Hüte, sie gehen traditionell auf Brautschau. Alle
grüßen freundlich, mit Verbeugung und den Gruß
melodiös gesungen.
Angebaut wird hier Maniok, Mais, Erdnüsse, Bohnen und Reis. In
der klaren Luft erkennt man ringsum Gebirgszüge, Siedlungen roter
Lehmhäuser, überall murmeln Bäche und eine grelle Sonne
lässt alle Farben strahlen. Um die Dörfer blühen Agaven,
Aloe, Veronica, Bidens, Lupinen, Cosmea. Der Trampelpfad führt auf
Reisterrassen-Dämmen entlang. Ein plötzlicher Plumps und
Aufschrei vermittelt uns, dass Petra soeben ein heilsames Schlammbad
genommen hat.
Weiter geht's auf glitschigem Lehm, durch hohes Gras, in dem Steine
versteckt liegen, steil über Fels und Buschwerk, durch
Wasserläufe, grünen Filz, immer weiter nach oben.
Für Gelegenheitsbergwanderer eine schweißtreibende Tour um
die Vormittagszeit. Kinder hüten Zebus, Frauen mit kunstvoll
geflochtenen Zopffrisuren tragen Kinder auf den Rücken und
stampfen Mais. Diese Menschen gehören zum Stamm der Betsileo, mit
überragenden Fähigkeiten, das Hügelland zu terrassieren.
Jenseits des Kammes wohnen die Bara, deren Heiratsfähigkeit im
erfolgreichen Rinderstehlen bewertet wird.
Eine Familie mit Kindern überholt uns. Das Kind sitzt beim
Vater auf den Schultern, es hält ein lebendes Huhn, er trägt
ein Radio in der Hand und hüpft von Fels zu Fels. Nach Querung des
Kammes wird es wärmer und eine neue Vegetation bestimmt das Bild.
Am nächsten Bach rasten wir. Zwischen Felsplatten wachsen
Kalanchoe, Echeveria, Pachypodium, brevicaule, rosulatum, Farne, an
denen Flechten hängen. Die Vertreter der Feucht- und Trockenzone
friedlich vereint!
Nach der Kräftigung geht es steil abwärts über
abfallende Granitplatten. Ramon, der Führer, hilft, hält den
rettenden Strohhalm entgegen. Später kommt alles wieder: hohes
Gras mit versteckten Steinen, rutschige Lehmpfade. Nun gilt es noch,
einige Flüsse zu queren. Beim ersten werden die Füße
gewaschen, bei Nr. 2 und 3 müssen die Schuhe abgelegt werden. Und
Nr. 4 verlangt die Balance übers Wehr.
Freut euch, Fußgelenke, wir sind am Ziel! Pünktlich 16 Uhr,
aber kein Auto mit den Zelten ist zu finden. Es trifft erst gegen 17
Uhr ein, hat aber einen Karton Bier an Bord. Herbert hat beim Chauffeur
vorgesorgt. Das Zischen übertönt das Flussrauschen. Auf einer
nassen Wiese errichten wir die Zelte. Beim Umziehen lockt uns der
Gitarrenspieler hinaus. Im Dämmerlicht hat er ein 30 cm
großes Chamäleon entdeckt.
Der Fast-Vollmond beleuchtet grell die ringsum liegenden Felsberge
(Reiseführermotive). In der Ferne stehen Rauchfahnen über den
Feldern. Das ist wirklich ein prächtiger Zeltplatz, viel
Grün, exotische Geräusche, viele Lurche, der malerische Fluss.
Wir sind ausgedörrt und trinken literweise schmackhaften
Zitronengrastee. Das Abendbrot besteht aus Gemüse-Nudelsuppe,
Zebusteak, Pommes, Bohnen und flambierten Bananen; mit einem
zünftigen Aroma vom Holzfeuer.
In der Nacht summen tausend Mücken.
14.04.2003
Die Zelte sind noch klitschnass von der Nacht und müssen trocknen. So gehen wir schon los. Im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne glitzert der Tau in den ähren des hohen Grases, in den Spinnennetzen, Etagendisteln und im Dornengestrüpp. Eine bezaubernde Stimmung. Ramon, der Läufer, der heute den ganzen Ab- und Aufstieg zurückgehen wird, sieht im Buschwerk jede Kreatur. Menschen, mit der Reisernte beschäftigt, winken und rufen. Heute, bei diesem tiefblauen Himmel, hat alles prächtige Laune.
Eine Gruppe kommt uns entgegen, ein malerisches Bild: die
Großmutter trägt das Baby, Kinder tragen die Hühner,
Frauen mit Geschirr beladene Bastkörbe auf dem Kopf, Männer
Baumstämme, in denen äxte stecken; Kinder hantieren mit
Sicheln. Freundlich halten sie für ein Foto an.
Auch Zebuherden und Zebugespanne, beladen mit Feuerholz, begegnen uns
wieder. Im nächsten Dorf, malerisch sind Häuser und
Bäume mit Maiskolben dekoriert, treffen wir auf Mami, Fahrer und
Auto. Vor einem winzigen Tante-Emma-Laden versammeln sich alle. Petra
kauft vierzig Bonbons und verschenkt sie an die Kinder, da ist der
Bär los.
Über hüpfende, klappernde Holzbrücken führt der
Weg. In der "Zivilisation" geht es auch über Behelfsbrücken,
weil viele der ordentlichen der RN 7 bei den Unruhen im vorigen Jahr
gesprengt worden sind. Alle Überwege sind einspurig für ein
Fahrzeug ausgelegt.
In den Ortschaften trocknet farbenfrohe Wäsche auf Zäunen 5
Meter hoher Euphorbien, zutrauliche Kinder kehren aus der Schule heim.
Die Lehranstalten sind an der verschiedenfarbigen, einheitlichen
Kleidung kenntlich.
In Ihosy essen - natürlich Zebu!
Dann verwandelt sich der Asphalt der Nationalstraße in eine
vielspurige, rote Piste durch die bis hinter den Horizont reichende,
ebene Hochland-Prärie. Der Höhenmesser zeigt 1 015 Meter.
Einige kleine Wölkchen segeln in Blau über dem Rot, in weiter
Ferne schwimmt das Isalo-Gebirge, faszinierende Atmosphäre! Das
Auto hüpft unbekümmert, staubt, schlingert durch die
Endlosigkeit.
Durch Ranohira, kleiner bunter Ort am Nationalpark Isalo, fahren wir
und beziehen Quartier in netten Bungalows und schöner Anlage mit
kaltem Wasser und Hunderten Mücken.
Nach dem Abendessen genießen wir das gute Three-Horses-Bier,
Petra lokalen Wein. Der Chef bekommt die Flasche nicht auf, nach 60
Minuten gelingt es ihm.
Aus der Küche kommt ein Junge mit Gitarre, singt und spielt emsig,
dann setzt sich der Budiker hinzu, bearbeitet die Trommel und Mami
singt die zweite Stimme. Bei den zweistündigen künstlerischen
Darbietungen beherrschen sie alle Liedtexte. Das wird ein
wunderschöner Abend, ich nehme diese Klänge auf Kamera auf.
15.04.2003
Kurze Fahrt zum Parkeingang. Dort beginnen wir unsere Wanderung durch die bizarren Sandsteinfelsen. Von Aussichtspunkten sehen wir über viele schroffe Gipfel weit in die Ebene. Oft erinnern diese Formationen an die Sächsische Schweiz. Dort würden aber kein leuchtender Enzian, dickfüßige Sukkulenten oder tomatenroter Ginster blühen. Der Zeltplatz liegt romantisch in der Mittagsglut. Wir essen Flusskrabben, Kartoffelsalat madagassisch und Knoblauch. Von der extrem scharfen Soße aus den hier unmittelbar im Wald wachsenden Mini-Peperoni genügt die Menge eines Reiskornes für das Mahl. Danach tropft der Schweiß aus dem Gesicht. Anschließend gehen wir zur kleinen Schlucht, Piscine Naturelle. Ein Wasserfall rauscht in ein Felsenbecken, das gesäumt wird von Drachenacea (Schraubenbaum), Bambus ... Hier baden wir.
Abends sitzen wir in den Rundhütten bei Petroleumlicht und
Mondschein, essen Romazava, das würzige Blattgemüse mit
Fleisch.
Mami erzählt vom Reichtum der Präsidenten, die mit Flugzeug
zum Einkauf nach Paris fliegen und den französischen Wahlkampf
finanzieren, von deutscher Entwicklungshilfe, z. B. beim
Brückenbau. Weil aber das Umfeld fehlt, wird nichts nutzvoll
funktionieren und später zweckentfremdet demontiert.
16.04.2003
Mit dem ersten Licht wird gepackt. Um 7 Uhr geht es los. Die
Morgenfrische lässt sich riechen, wenn man den Tau von dem
glitzernden Gras abstreift. Kleine Reptilien und furchterregende
gelbschwarze Spinnen sonnen sich. Pachypodien brevicaule von einem
halben Meter Durchmesser kleben an den Steinen, umsäumt von vielen
unbekannten, bunten Blüten. Wir wandern immer den Felsen entlang,
auf, unter, über, herauf, herunter, durch kühle nasse
Schluchten, queren sonnenglühende Gipfel mit fantastischer,
endloser Fernsicht: am flimmernden Horizont schweben Berge und Wolken.
Bei verschwenderischer Sonne steigen wir etwa zwei Stunden von den
Felsen ab, wehe man muss jetzt hier hinauf! Wir schlagen uns durch den
Urwald und sehen schon einige Kattas mit ihren gestreiften
Schwänzen. Auch weiße Sifakas turnen in den Bäumen.
Der Steig endet in der Affenschlucht. Eine romantische
Freischütz-Szenerie finden wir hier. Von den senkrechten,
bemoosten Felswänden fließt Trinkwasser, bizarre
Schraubenbäume spiegeln sich im Wasserlauf. Grünes,
gedämpftes Licht wirkt geheimnisvoll. Die Kühle empfinden wir
als sehr angenehm. Es wird gepicknickt und gebadet. Hier wollen wir uns
mit Mami und Rainer treffen, da sie nicht kommen, klettern wir
lemurenartig über die grünen Steinbrocken in der Schlucht
aufwärts, bis diese immer enger wird. Unter uns erzählt
murmelnd das Wasser rätselhafte Geschichten. Als es nicht weiter
geht, kraxeln wir zurück und treffen die beiden. Durch Weiden und
Reisfelder laufen wir zum Fluss und Auto; wir werden dort mit einer
Schüssel Nudelsalat begrüßt.
Dann fahren wir durch offene, hüglige Landschaft nach Ranohira,
zurückblickend in die dunklen Schluchten und auf das schöne
Gebirge. Zerstreut stehen die Satrana-Palmen in der Landschaft, diese
siedeln als erste Pflanzen auf Rodungsflächen.
Wir belegen den neuen Zeltplatz mit noch einer französischen
Gruppe. Zuerst waschen und erfrischen wir uns am Fluss.
Die Garnelen aus diesem Gewässer mit Reis und Mengen von Obstsalat ergeben ein leckeres Abendbrot.
Die Begleitmannschaften bereiten ein Lagerfeuer. Nachtvögel
singen, der helle Vollmond blendet, eine bezaubernde Stimmung liegt
über dem Tal. Nun singen und spielen die Träger auf ihren
primitiven Gitarren. Das Feuer knistert und die Funken tanzen wie
leuchtende Mücken in der Nacht. Das ist Balsam für die Seele.
Stundenlang singen sie virtuos und spielen unermüdlich mit
Begeisterung. Der Jüngste muss immer wieder Holz herbeiholen. Wir
schauen in die Flammen und überlegen, wann und wo man überall
so zauberhaft am Feuer saß. Zum Schluss spielt noch Mami auf
unseren Wunsch: "Kein Feuer kann brennen so heiß, wie heimliche
Liebe, von der niemand was weiß", ein madagassisches Lied - fast
identisch mit dem Volkslied. Dieser Abend bleibt immer in Erinnerung.
17.04.2003
Heute Morgen ist es neblig. Verspätet laufen wir los. Am Parkplatz werden die Träger entlohnt. Dann fahren wir weiter südwestlich mit dem Ziel Tulear (Toliara). Andere reizvolle Landschaft des Isalo ist zu bestaunen, die zum Nationalpark erklärt wurde. Wir passieren "Saphir-Städte" mit romantischer Goldgräberstimmung. Hoffnungsvolle Schürfer warten auf das große Glück. Dörfer, die vor einigen Jahren 120 Einwohner zählten, sind auf 120 000 angewachsen. Einige Siedlungen gab es vor wenigen Wochen noch gar nicht. Am Straßenrand drängen sich "Spielcasinos", Kneipen, leichte Mädel, Ankaufstellen. Die Kriminalität ist sehr hoch, der Fahrer soll nicht anhalten! Seuchen sind verbreitet, da es keine hygienischen Einrichtungen gibt. Überall ist ein Stück Land abgesteckt, auf dem die Menschen buddeln. Wir haben weitab dieser Siedlungen noch Löcher im Park vorgefunden.
Langsam trocknen im Süden die Flüsse aus, die Regenzeit ist endgültig vorbei. Das Gras wird gelb, die Halbnomaden ziehen mit ihrem Vieh nach der Reisernte weiter.
Steinmauern um buntbemalte Grabmäler, mit Zebuhörnern oder Holzschnitzereien verziert, liegen in der Landschaft verstreut. Auf dem Gelände der Ahnen wird dem Verstorbenen oft ihr erstes festes Haus errichtet. Der bescheidene "Reichtum" der Angehörigen ist in jener Grabstätte investiert. Dort finden die Toten die zweite und letzte Ruhe. Die Kosten der Totenfeiern lassen sich an der Zahl der Zebuhörner ermitteln.
Man sieht auch Grabsteine in der Gegend. Hier sind die Toten vorläufig bestattet, ehe man sie nach dem Errichten der eigentlichen Begräbnisstätte umbettet.
Stetig geradeaus führt unsere Straße durch weites,
offenes Land. Baobabs (Affenbrotbäume) trotzen den
Holzfällern, die hier vom Zebukarren Holz und Holzkohle verkaufen.
Aus der endlosen Dornensavanne ragen zahlreiche Gräber. Von einem
Hügel blicken wir auf den Ozean. Ein Schild belehrt, dass wir den
südlichen Wendekreis des Steinbocks passieren.
Eine Polizeikontrolle hält uns wieder einmal auf. Der Uniformierte
will unsere Pässe einsehen und fragt: "Was heißt, ich liebe
dich?", freut sich und räumt die Nagelbretter von der
Straße.
Wir kommen in die Hafenstadt Tulear. Kreisverkehr: ein Autoreifen liegt
in der Mitte der Kreuzung. Im Hotel werfen wir Gepäck ab und
fahren weiter zum botanischen Reservat der Küste entlang Richtung
Morombe, Morondava. Es wird vorgeschlagen, eine Kleinigkeit zu essen,
frischen Tintenfisch, aber auch hier schmeckt das Zeug nach nichts.
Während der Zubereitung nutzen wir die Zeit zum Baden: warmes,
tangreiches, bräunliches Wasser.
Wir müssen hier für 30 000 Franc einen Führer mitnehmen. Weiterfahrt ins schön angelegte Arboretum, ein Schweizer pflegt hier zig Arten Sukkulenten, deren Zugehörigkeit noch bestimmt werden muss. Unser Dolmetscher erklärt viele Namen, der Führer trabt hinterher und passt auf, dass nichts ausgerissen oder abgeschnitten wird.
Wir stehen in einem Wald von Didierea madagascarien, Alluandia comosa, - ascendens, Delonix adansonioidis, Pachypodium geayi, - lameri, Adenia, diversen Aloe und vielen Spielarten von Euphorbien und anderen. Viele Fotos sind fällig, die Beleuchtung wird mit dem nahenden Sonnenuntergang immer besser. So habe ich für viele Jahre Baobabs abgelichtet.
Rückfahrt auf einer Panzerstraße wie in russischen Dörfern. Hier teilen sich Menschen und Tiere Grashütten, ihr Terrain ist mit eingerammten Ästen abgesteckt, ohne Trinkwasser, Strom und Licht. Es begegnen uns Frauen mit Körben voller Tang auf dem Kopf, Kinder lenken Zebukarren.
Hinter Dornengestrüpp und Euphorbien liegt das Meer, für ein Foto geht gerade die Sonne unter.
Es folgen Polizeikontrollen, Fischmarkt im Stockdunkeln (!) inmitten eines Gewusels von Rikschas und Menschen. Es riecht nach warmem Meer, Palmenwedel klappern im Wind. Unbeleuchtete Taxi-Brousse kommen uns entgegen. Mit Holzbänken aufgerüstete Lkw transportieren eingezwängt 30 Fahrgäste, bedrohlich schlingernd, in tagelangen Reisen zu den nächsten Orten; die Reparaturzeit an diesen alten Mercedes nicht inbegriffen.
18.04.2003
5.30 Uhr gibt es wahrhaftig schon Frühstück, darauf folgend eine Fahrt zum Flughafen; verspäteter Abflug. Zuerst laden wir in Fort Dauphin zwischen, nahe der Südspitze in einer gefälligen, grünen und gebirgigen Umgebung. Dann kehren wir nach Norden, über Dornenland, rote Erde, rote Flüsse, bewaldete Bergspitzen. Die Inselmitte sieht von oben kahl aus, ohne Pflanzenbewuchs und Ansiedlungen.
Um Tana gibt's viel Wasser. Es hat viel geregnet. In der Hauptstadt gelandet, tauschen wir Geld, fahren zum Hotel, dann ins Zentrum wegen CD- und T-Shirt-Kauf. Hoffnungsloser Stau! Wir kommen vor zwei Stunden nicht weg. Das nächste Ziel ist das Naturreservat Perinet. Viele Lkw begegnen uns, die das Frachtgut vom Ozean nach Tana transportieren. Den Besuch der Reptilienfarm Marozevo schaffen wir nicht mehr. Die Straße verläuft ein Stück parallel zur gesprengten Eisenbahnstrecke.
Wir beziehen eine natürliche, schöne Anlage mit Schilfhäuschen an einem Flussarm.
Wenn man hier ein Kleidungsstück anhebt, eilen Schaben davon.
19.04.2003
Heute wandern wir durch den Perinet-Nationalpark, um Lemuren
aufzuspüren. Haben wir Glück! Über uns springen mehrere
Indris, die größten Halbaffen. Wie erhofft stoßen sie
ihre lauten Schreie aus (man kann sie kilometerweit hören) und
knabbern im Takt trommelnd an den Pandanussblättern.
Der Waldläufer zeigt uns noch eine bunte, niedliche Igelart (Tanrek) und anderes kleines Viehzeug.
Der versäumte Besuch des kleinen Tierparks Marozevo wird zum
Nachmittag nachgeholt. Ein Franzose pflegt diese Anlage. Hier findet
man fast alle Sorten der Chamäleons Madagaskars zum Anfassen. Des
Weiteren Heuschrecken, Pythons, Flughunde, den kleinsten Frosch der
Welt, den größten Falter der Welt, Tanreks und anderes
Getier. Unser Dolmetscher kann wieder von allen Individuen den
lateinischen Namen nennen. Aus nächster Nähe sehe ich einen
duftenden Nelkenbaum.
Wir kaufen noch Obst bei der Heimfahrt und sitzen am Abend etwas länger in der Gaststätte.
20.04.2003 - Ostern
20 °C, etwas Niesel und dann Sonnenschein. Abfahrt nach
Toamasina (Tamatave) vorbei an Resten von Primärwald, über
gebirgiges Land; primitive Hütten ziehen an uns vorbei und
feiertagsfein gekleidete Familien mit farbigen Hüten und
großen Schirmen. Wir queren viele Flüsse, in denen Kinder
toben und baden, Frauen waschen und fischen.
Der "Baum des Reisenden", keine Palme, sondern Ravenala, ein
Bananengewächs. An seinem Blattansatz sammelt sich Wasser zum
Trinken.
In Mahatsara wird Obstmarkt abgehalten. Litschis, geräucherte
Bananen, Brotfrucht, geräucherte Aale und vieles mehr sind im
Angebot.
Liegen Zweige auf der Fahrbahn bedeutet das: Achtung, liegengebliebenes
Fahrzeug! Davon sehen wir eine ganze Menge.
Vor der Stadt säumen Kokospalmen die Straße, angepflanzt zur Ölgewinnung für die Seifenfabrik.
Tamatave, die zweitgrößte Stadt mit 200 000 Einwohnern,
empfängt uns mit schwül-warmen 33 °C. Als typische
Hafenstadt ist es unsauber, die meisten Häuser sind verlottert.
Aber 60 Prozent Jugend, hübsch und flott gekleidet, beleben die
Tristesse. Ein verdreckter Markt, die Kirchen und der Bahnhof haben
geschlossen. So schlendern wir zum Strandfest. Da geht es laut, bunt,
schrill zu, einfache Glücksspiele bannen der Jugend
Aufmerksamkeit. Im Wasser schwimmt niemand - Haigefahr! - weil nebenan
die Fischfabrik ihre Abfälle ins Meer kippt.
Im Hotel herrscht tropische Wärme, nicht zum Aushalten. Wir zwei
bummeln noch in der Stadt bis zur Dunkelheit und finden beinahe nicht
zurück.
Am Abend gehen wir fein essen: Seefisch mit grünem Pfeffer, Ingwer, Vanille-Rum und Kokospudding.
21.04.2003
Auf dem Flughafen verabschieden wir unseren Tausendsassa Mami. Er fliegt nicht mit in den Norden, erzählt uns über das Landestypische der Gegend um Antsiranana (früher Diego Suarez). Hier produzieren sich zwischen FluggÄsten Liebestouristen und knapp bekleidete Mädchen.
Vom Flugzeug aus erfreut man sich an der malerischen Küste,
bewaldeten Naturschutzgebieten und so vieler Flüsse. Nach dem
Landen holt uns Yorck ab, ein sympathischer Hamburger, den es hierher
verschlagen hat. Er erklärt und zeigt einiges bei kurzer
Stadtrundfahrt über Fischerei, Hafen und die Bucht von Ramena. Am
Ostermontag herrscht Ruhe in der Stadt, die Einheimischen feiern alle
am Strand.
Ein weißes Gebäude am Berghang mit Blick auf die Bucht zum
bekannten Zuckerhut (im Wasser) nennt sich "Kings Lodge".
Gemütliche Zimmer, Gaststube, Terrasse mit dem Urlaubsblick und
vielen angepflanzten Sukkulenten, das ist sein Domizil. Wir bekommen
gleich Getränke und Sessel und fühlen uns richtig wohl.
Als Erstes gehen wir baden, müssen weit hinauswaten, aber warm!
Erst später erfahren wir, dass es hier Krokodile gibt. Am Berghang
stehen kleinere Baobabs, zu denen spazieren wir hin, schön
angestrahlte Wolken färben auch das Wasser.
Inzwischen kommen lärmend, in hoffnungslos überfüllten
Kraftfahrzeugen, die Einheimischen vom Ausflug zurück.
Nach gutem Abendbrot erzählt Yorck von der jüngeren
Geschichte des Landes. Bei der Verkostung seines Haus-Rums berichtet er
von sich: Nach Lehrerberuf lebt er seit 12 Jahren hier, die Lodge stand
nach vier Jahren Bauzeit. Seine Frau stammt aus Madagaskar, die zwei
niedlichen Kinder haben wir schon gesehen.
In der Nacht schwitzt man unterm Moskitonetz.
22.04.2003
Packen und Abfahrt zum Mahamasina-Nationalpark, den Tsingys. Erst fallen uns hier violettblühende schönmalven-ähnliche Büsche auf. Sie heißen Gryptostegia, erläutert der lustige Fahrer Jacques, der sich so herzlich freuen kann und meint, sie seien eine Antifieberdroge und würden zur Latexgewinnung angepflanzt.
Heute fahren wir auf Asphalt. Viele Stände am Straßenrand bieten die unheimlich scharfe Soße in 1-Liter-Plastikflaschen an oder Kokosnüsse vom Holzkarren. In einer Ortschaft wird Markt abgehalten. Wirres Treiben, man starrt uns an. Angeboten wird Zuckerrohr, viele Saaten aus Säcken, getrocknete Fische, Erdnüsse und alle Früchte. Frauen in bunten Festtagskleidern balancieren Körbe voller lebendigem Federvieh auf dem Kopf und tausend Krimskrams.
Die Strohhütten am Nationalpark ziehen wir unseren Zelten vor, weil es dort so schöne grüne Geckos gibt.
Yorck hat uns eine Köchin mitgegeben. Sie zaubert heute
Fleischspieße mit Avocadopürree, dazu gibt's Getränke
aus einer Kühltasche!
Wir wandern zu den kleinen Tsingys. Das sind graue, schroffe,
messerscharfe Kalksteinfelsen, die beim Anstoßen einen
metallischen Klang von sich geben. Ringsum gesäumt von
üppigem Sekundärwald mit regem Kleintierleben: 25 cm lange
Tausendfüßler, riesige Asseln und diverse Lurche krauchen um
unsere Füße. Eine Grotte wird per Taschenlampe
aufgespürt und die hier versteckten Fledermäuse werden
aufgescheucht. Diese wilde Gegend hier ist schon faszinierend: tiefe
Höhlen, steile Felswände, Dämmerlicht. Aber bei 34
°C und der hohen Feuchte etwas kräftezehrend. Pro Schritt
perlen drei Schweißtropfen aus dem Gesicht; das entschuldigt wohl
den quälenden Durst. Alle Kleidungsstücke sind tropfnass, sie
trocknen nicht. Waschwasser gibt es keines, es herrscht
Gewitterstimmung, hoffentlich fällt die Dusche vom Himmel.
Zum Abend gibt es Flusskrebse, Avocado, Reis, Vanille-Rum-Tee. Petra ist von den Krustentieren wenig angetan.
Die Nacht ist warm und regenlos.
23.04.2003
Um 5 Uhr aufstehen, es werden acht Stunden Urwaldmarsch vorgegeben! Unbekannte Pflanzen, meterdicke Gummi- und Feigenbäume mit Brettwurzeln, Lianen, die nach Füßen und Rucksack greifen, beeindrucken uns. Am Rand des größten Karstlochs der Erde staunen wir. In den Riesenschlund, zur Regenzeit, stürzen hier vier Flüsse hinab und verschwinden spurlos!
Nachtaktive Makis schauen mit Riesenaugen verschlafen aus Baumlöchern. Jacques sieht alles im Urwald-Wirrwarr. Am grünen See, der tief unten in der Tsingy-Schlucht glitzert, verharren wir gebannt, denn zig lustige Kronenmakis beobachten uns. Mit jauchzender Freude füttern wir die zutraulichen Tiere mit Bananen und Müsliriegeln. Sie klettern auf uns herum, lecken uns die Hände ab und klauen, was wir an Essbarem nicht festhalten. Es fällt uns schwer, weiterzugehen. Gerastet wird erst auf den Tsingys, auch hier gibt es botanische Raritäten zu sehen: Pachypodien geayi, lameri, erstere mit weißen Blüten, blühende Drachenaceen, Mimosen, sukkulente Asparagus, diverse Euphorbien. Zahme Eidechsen fressen Bananen aus der Hand; Webervögel, Schmetterlinge, später noch farbig leuchtende Chamäleons und einen Skorpion nehmen wir wahr aus nächster Nähe. Schweißtriefend geht es zurück. Jacques lacht und weist auf andere Lemuren und Viecher, die wir öfter schon gesehen haben.
Wir fahren noch zum Fluss, waschen uns und unsere Klamotten. Auch
die Köchin hat ein neues Kleid angezogen und serviert Fisch in
Kokossoße, Fleisch, Reis, Kartoffeln, Bananen flambiert, kaltes
Bier, heißen Tee mit Rum.
In der Nacht jaulen die Hunde und wir schwitzen unterm Moskitonetz.
24.04.2003
Weil wir noch an Ramenas Strand baden wollen, fällt hier der
Abschied nicht so schwer. Jacques fährt uns zurück, entdeckt
wieder allerlei Getier, farbenfroh gekleidete Frauen balancieren auf
dem Kopf Körbe mit schmutzigem Geschirr zum Fluss. Die mit
geflochtenen Zöpfen sind unverheiratet, hier im Norden zeigt das
auch ein Knotenbüschel.
Scharfe Soßen sind immer noch im Angebot.
Kinder schlendern in die Schule.
Kalksteinberge ragen empor, mit Baobabs und Palmen bestanden.
Mittags sind wir wieder in der Kings Lodge und fahren zum weißen Sandstrand. 25 °C bieten Wasser und Luft, aber keine Sonne. Kinder mit Auslegerbooten versuchen zu fischen. Vereint holen Fischer ein riesiges Schleppnetz ein. Wir schlappen etwas zwischen Strand und dem verlotterten Dorf aus Blechhütten herum. Malerisch werden die Netze getrocknet und repariert. Die Schäden des Zyklons von 1984 sind noch heute - wie an den geköpften Palmen - zu sehen.
Als sich die Sonne glühend hinter die Affenbrotbäume
senkt, bemerke ich ärgerlich, dass die Kamera heute nichts
aufgenommen hat.
Abends sitzen wir bei kaltem Bier und Regenschauer geschützt auf
der Veranda; Geckos schnattern, wir knabbern Nüsse.
25.05.2003
Jacques fährt uns noch zum Markt von Diego, auf dem Weg dahin
zeigt er uns stolz sein Haus und seine Familie. In einer sauberen,
geschmückten Wellblechhütte mit Fernseher und Doppelstockbett
begrüßt uns seine freundliche, hübsche Frau mit Kind.
Unsere überlassenen Kleider hängen schon auf der Leine.
Auf dem Markt herrscht laut-hektisches, absolut ungewöhnliches
Treiben. Unsere Suche beschränkt sich auf Gewürze. Hier
Handel zu treiben, ist für Ansässige nicht einfach - den
Markt kontrollieren Pakistani und Inder (auch den Edelsteinhandel).
Die Preise sind astronomisch hoch, außerdem ist jetzt für
Gewürze keine Erntesaison (eine Vanilleschote = 6 EUR!). Da kaufen
wir sie günstiger bei Yorck. Der ist weggefahren, hat als Geschenk
für jeden eine Flasche Vanille-Rum hinterlassen. Herzliche
Verabschiedung von den zwei netten Frauen. Es geht zurück nach
Tana. Jacques fährt uns zum Flugplatz. Das Flugzeug hebt
natürlich mit Verspätung ab.
Großer Bahnhof in Tana, der Veranstalter, Herr Wonneberger, Lala und Mami holen uns ab. In dieser Runde erfolgt eine kleine Reiseauswertung, dann fahren wir zum "Gregoire". Schon geht die Sonne unter. Deshalb wird ausgiebig diniert mit Fisch und Steak usw. Das erhebliche Wasserdefizit der vergangenen Wochen wird wieder ausgeglichen. Rainer hat am meisten geschwitzt. Rudi erzählt von nervenden, früheren Besuchen in der DDR.
26.04.2003
Früh am Morgen fahren wir durch die Hauptstadt zum Stadtrand
auf den "blauen Hügel", den heiligsten Ort der Merina-Könige.
In Ambohimanga residierte der berühmte König Andrianampoini
merina. Hier, an diesem geschichtsträchtigen Ort, darf nichts
verändert werden. Es stehen noch mächtige, damals gepflanzte
Feigenbäume auf dem Versammlungsplatz, ein Kral, in dem Zebus
geopfert wurden, das alte Wohnhaus und Bad des Königs, und die
Sommerresidenz Ranavalonas im schlichten französischen Stil. In
ihrer Einfachheit und landschaftlicher Schönheit ist das eine
eindrucksvolle Anlage. Der Eingang zum königlichen Wohnbezirk
wurde früher von 40 Sklaven abends mit dem angelehnten Steinteller
von 6 Metern Durchmesser verschlossen.
Geht man die Steintreppen empor, hat man einen faszinierenden Rundblick
über blühende Büsche auf die anderen heiligen sieben
Hügel rund um die Hauptstadt.
Anschließend fahren wir ins Zentrum, hier gibt es sehenswerte Fotomotive. Vom Markt geht es über lange Treppen zur Oberstadt. Den üppigen Markt lassen wir uns nicht entgehen. Dazu läuft mit jedem ein persönlicher Leibwächter mit, der den gefüllten Plastikbeutel trägt, böse Geister verscheucht und ein Taschengeld erwartet. Man zwängt sich durch enge Gassen zwischen Ständen von Handwerkskunst und Schnickschnack; für große Menschen gefährlich, sich den Kopf einzurennen. Wir kaufen bestickte Hemden und teure Gewürze.
Im Hotel raffen wir unsere Sachen zusammen und fahren durchs
Riesengewühl zum Flugplatz. In einem (wie deutschen) Supermarkt
kaufen wir fürs letzte Geld Rum, umfahren die Holzkohleküchen
am Straßenrand, wo die Hauptstädter an den spärlich
beleuchteten Ständen noch Fisch, Fleisch und Backwaren fürs
Wochenende einkaufen. Fahrer der Taxi-Brousse, obwohl schon
vollgepfercht, animieren mit lauten Rufen weitere Fahrgäste.
Renault R4 und R5 holpern verrostet und zerzaust durch hoffnungslos
verstopfte Straßen.
Auf dem Flughafen warten wir auf die Abfertigung - 1 ½
Stunden! Unser Gepäck wird durchleuchtet, durchsucht, wieder
geröntgt, wieder geöffnet. Ich krame nervös die Filme
aus dem Handgepäck, damit sie nur mit dem Auge kontrolliert
werden. Dann folgt Passkontrolle, Fragebogen ausfüllen, bis
endlich nach 2 ½ Stunden die Prozedur vollzogen ist.
Die Boeing 767 fliegt eine Stunde später ab, landet
überraschend in Mombasa zwischen und setzt am Morgen mit
großer Verspätung in Paris auf.
27.04.2003
11 °C Wärme und graue Wolken empfangen uns. Die
Anschlussmaschine nach Frankfurt ist natürlich weg. Nach weiten
Irrläufen in "Charles de Gaulle" wird problemlos umgebucht.
Wiederum überfällig schweben wir weiter nach Frankfurt. Der
geplante Zug ist - längst abgefahren. Es gibt einen folgenden, der
auch keinen Fahrplan einhält.
Hier in Deutschland blühen die Bäume und die Rapsfelder, aber
die verschwenderische Sonne haben wir vergessen, mitzunehmen.
Abenteurer, die resistent sind gegen fehlende Annehmlichkeiten der
Zivilisation, Freude haben an Überraschungen und Interesse
empfinden für fremde, so freundliche Menschen, seltene Pflanzen,
Tiere und die abwechslungsreiche Landschaften, können auf der
viertgrößten Insel der Welt noch unentdeckte Schätze
heben.
In unserer Wandergruppe gab es viel Spaß, alle harmonierten in Interessen, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. So genossen wir einen erlebnisreichen, sehr schönen Urlaub.
Für uns gibt es in Madagaskar viele weiße Flecken auf der Landkarte, die man noch erforschen müsste. Außerdem hatte ich nicht die Gelegenheit, alle Baobabs zu fotografieren.
