Reiseberichte
Madagascar by bike
Quer durch die große, rote Gewürzinsel im Indischen OzeanVon Marion Benz und Bernhard Ulrich.
"Le numéro, écrivez le numéro sur la carte!" Verflixt, welche Nummer will der madagassische Zollbeamte nur wissen? Die unserer Fahrräder oder die Zahl der Gepäckstücke, mit denen wir wie Weihnachtsbäume behängt sind?
Während neben uns eine Autoachse, verschnürte Säcke und riesige Kartons den Zoll passieren, interessieren sich die Soldaten mehr für unsere Räder als für die Überwachung der Sicherheit. Wo wir denn hinwollen? Warum ausgerechnet Madagaskar und dann noch mit dem Fahrrad? Sie sind begeistert und bringen uns sofort ein wenig Madagassisch bei: Manao ahoana! Guten Morgen. Fast hätten wir die lästigen Formalitäten vergessen. "Les vélos!" brummelt da der Zollbeamte. Das also ist die Ursache all der Aufregung: Unsere Räder dürfen auf keinen Fall unregistriert den Zoll passieren. Denn ein Fahrrad ist hier Gold wert. Nachdem wir endlich die Zahl zwei für unsere beiden Mountainbikes auf dem Einreisezettel eingetragen haben, geht alles ruck zuck. Jedes Gepäckstück wird schnell noch mit einem Kreidekreuz versehen, fertig.
Draußen verhängen graue Wolken den Himmel, Nieselregen.
Über 10.000 km Luftlinie sollten uns vom tristen Herbstwetter
Europas trennen, doch die tropische Insel südöstlich von
Afrika empfängt uns nicht gerade mit exotischen Temperaturen. Bis
wir unsere Räder gesattelt haben, blitzen jedoch schon die ersten
Sonnenstrahlen durch den Nebel. Antananarivo, die "Stadt der Tausend",
erwacht. Wie von einem riesigen Magnet angezogen, bewegt sich ein
Troß von Bussen, Autos und Ochsenkarren in Richtung der
Hauptstadt. Sanfte Hügel mit vereinzelten Bäumen,
Reisterrassen und rote, strohgedeckte Lehmhäuser bestimmen das
Bild des Hochlandes um Tana.
Anmutig balancieren Frauen Körbe voller Maniokwurzeln auf ihren
Köpfen über die Dämme der Reisfelder. Nackte
Kinderfüße trommeln so flink über die staubige Erde,
daß der aus alten Büchsen gebastelte Spielzeuglaster der
Schnur nicht mehr folgt und einfach umkippt. Auf einem Lehmziegelhaufen
begrüßt ein Hahn mit federlosen Flügeln stolz den neuen
Morgen, und mit jeder Radumdrehung nähern wir uns dem Zentrum der
Millionenstadt.
Madagaskars schwerer Weg von der Kolonie zur "afrikanischen" Demokratie
Hier sollte Andrainampoinimerina 1793 die Hauptstadt seines Königreiches gegründet haben? Das sollte der Ort sein, an dem rund 100 Jahre später die Franzosen ihr Protektorat über die "große Insel" verhängten? Die Spuren der Königsherrschaft sind spärlich, die der Kolonialzeit verblassen. Nur wenige Jugendstilhäuser und Kirchen erinnern an die französische Kolonialherrschaft. Dennoch hat Madagaskar auch nach der Unabhängigkeit 1960 seine Identität nur schwerlich wiedergefunden. Die Lücken zwischen Fortschritt und Tradition sind kaum zu überwinden und selbst die junge demokratische Bewegung scheint bislang keine Brücken schlagen zu können. Nichts hat sich geändert. "Wir haben - ral-bol!- die Schnauze voll", meint Fano, den wir in einer der Garküchen kennengelernt haben. "So viel Hoffnung haben wir gehabt, wißt ihr 1993". Nichts wissen wir. Madagaskar war aus den deutschen Medien verschwunden. "1993 haben wir einen neuen Präsidenten gewählt. Aber es ist ein großes Problem, daß er keine Macht hat", erklärt Fano. Seine Stimme klingt resigniert. Von der Rova, dem alten Königspalast aus, überblicken wir die ganze Stadt: Von zwölf Hügeln umgeben, ist die Hauptstadt zum Schmelztiegel aller Bevölkerungsgruppen geworden. Indonesier, Araber, Afrikaner, Europäer, Chinesen haben sich hier zu einer bunten Gesellschaft vermischt. Wer aber die große Insel als erster besiedelt hat, konnten selbst die Historiker nicht klären. Die dunklen Augen Fanos lachen: "C'est comme ça à Madagascar"- das ist eben so in Madagaskar.
Die Hauptstadt Antananarivo, die "Stadt der Tausend"
Zurück auf dem Zoma, dem großen Freitagsmarkt, sind Politik und Geschichte vergessen. Die ganze Stadt hat sich in einen überdimensionalen Marktplatz verwandelt. Zwischen Lilien, handgeflochtenen Bastmatten und Tüchern bahnen wir unseren Weg zu den Fischständen. Vorbei an Ananas, zockenden Kindern und einer Frau, die inmitten ihrer Hühner eingenickt ist, weiter zu den Edelstein- und Gewürzhändlern. "De la vanille Monsieur. Très bonne qualité". Doch die beste Qualität ist längst exportiert. 40 % der Vanille auf dem Weltmarkt stammt aus Madagaskar. Der intensive Duft der schwarzen Schoten und der frisch gerösteten Kaffeebohnen vermischt sich mit den Autoabgasen der Taxis und Busse, die sich im Schrittempo durch die Straßen quetschen.
Am nächsten Morgen ist alles wie weggeblasen. Der Wind läßt die liegengebliebenen Tüten und Papiere auf den leeren Straßen tanzen. Allein am Bahnhof drängen sich schon Passagiere, um eine Fahrkarte zu ergattern. Mit dem Zug fahren wir ins 160 km südlich gelegene Antsirabe, die Edelsteinstadt Madagaskars. Ab hier sollte unsere Radtour richtig starten. Aber nach nur zehn Kilometern Fahrt hören wir seltsame Musik.
Einladung zu einer fröhlichen Leichenwendfeier
Immer mehr Menschen begegnen uns auf der sonst verlassenen
Straße und als wir um die nächste Kurve biegen, erblicken
wir auf einer leichten Anhöhe ein Grabmahl, um das sich feiernde
Menschen versammelt haben. Vorsichtig schieben wir unsere Räder
näher. "Venez, venez!". Einer der Männer hat uns gleich
gesehen. Wie sollten wir ihm nun klar machen, daß wir auf keinen
Fall die famadihana, die Totenwendfeier, stören wollten? Zu
spät. Keine fünf Minuten vergehen und wir finden uns mitten
zwischen sauber eingepackten Leichen, Tänzern und Musikanten
wieder. "Das ist der Sohn der Schwester meiner Mutter", stellt uns der
Familienälteste seinen verstorbenen Cousin vor, während er
auf ein weißes Bündel deutet. Begleitet von madagassischen
Musikrhythmen und gewichtigen Ansprachen der Familienältesten wird
der Leichnam ausgewickelt und frisch verpackt. Bevor jedoch
Raphaël- der Tote- wieder ins Familiengrab getragen wird,
werden ihm alle Neuigkeiten der vergangenen Jahre erzählt. "Die
Toten sind wie die Wurzeln eines Baumes, von dem wir nur die lebenden
äste sind", erklärt uns der Familienoberste. Sie bestimmen
die Normen des Lebens und die Fadys- die Tabus, die sie einst
verhängt haben, sind ungeschriebenes Gesetz. Alle drei bis sieben
Jahre wird ihnen zu Ehren die famadihana gefeiert, zu der
Familienmitglieder aus allen Teilen des Landes zusammenkommen. Im
Rhythmus der Musik wiegen junge Frauen und Männer ihre
Körper. Immer schneller schlägt der Trommler den Takt,
selbstgebrannter Rum fließt in rauhen Mengen, verdreht den Kopf.
Beim Einbruch der Dunkelheit führt uns der Familienälteste zu
seinem Haus, wo wir unser Zelt im Garten aufschlagen dürfen. Lange
noch reden wir über den uns so fremden Ahnenkult und beginnen
langsam zu verstehen: die Toten sind ein Teil der Lebenden, der Tod nur
der Übergang in eine andere Daseinsform.
Mit den ersten Sonnenstrahlen verlassen wir den sagenumwobenen See Tintive und fahren nach Ambositra. Schlagartig ändert sich hier die Landschaft. Riesige Granitblöcke durchsetzen die Reisterrassen. Die Hügel werden schroffer. Bergauf, bergab, schwerer und schwerer drehen die Pedale, bis wir totmüde in Ambositra ankommen. Ein Teller voll Reis und ein weiches Bett in einem der "Hotelys" wirken Wunder und schon früh am nächsten Morgen kurbeln wir weiter.
Mit dem Bike durch das Hochland
"Die Straße nach Anoetra?- Wie, es gibt keine?" Unsere Karte ist da anderer Meinung und so landen wir auf einer völlig ausgefahrenen Piste, die in das abgelegene Bergdorf der Zafimary führt. Bis heute bauen die Zafimary ihre Häuser aus Holz. Ihre wunderschönen Schnitzereien rund um die Fenster und die auf Stelzen stehenden Speicherbauten reizen zu Aufnahmen gegen den stahlblauen Himmel. Auffordernd legt mir ein in Tücher gehüllter Greis ein altes Fünf-Franc-Stück in die Hand: "Egalité, Liberté, Fraternité 1876"- Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit - der Wert des Silberstückes liegt in der Erinnerung, während die hohen Ideale auf der Strecke blieben. Die Zeit der großen Münzen ist vorbei.
Das weiße Gold Madagaskars ist der Reis. Morgens, mittags, abends - mit oder ohne Fleisch, das weiße Korn, das Erbe Indonesiens prägt den gesamten Lebensrhythmus der bäuerlichen Kultur. 100 km weiter im National Park Ranomafana wird uns bewußt, welch hohen Preis die Madagassen zahlen, um ihre Reisfelder anzulegen. Denn hier, wo Tavy - die traditionelle Brandrodung - und der ungezielte Holzeinschlag verboten sind, wird aus der roten Erde, ein grünes Paradies: feuerrote Früchte, smaragdgrüne Nestfarne und überdimensionale Urwaldriesen verschlingen sich zu einem undurchdringlichen Dickicht. Traditionelle Heiler kennen die unendliche Vielfalt der Heilkräuter des Regenwaldes und selbst die moderne Forschung weiß mittlerweile diese natürliche Apotheke zu schätzen.
Lemuren, Kattas und Indris, überall zeigt sich stolz die einzigartige Tierwelt Madagaskars
"Schau", flüstert da Alphose, unser einheimischer Führer und legt seinen Zeigefinger auf die Lippen. Vorsichtig setzt er einen Fuß vor den anderen, entlockt seinem Gaumen kratzige Klicklaute und gibt uns Zeichen, ihm so leise wie mögliche zu folgen und jetzt sehen wir ´s auch: Frech blicken zwei große dunkle Kulleraugen auf uns herab - ein Rotstirnmaki räkelt sich in der Sonne, als wisse er um seine Einzigartigkeit. Seit sich vor rund 300 Millionen Jahren die "große Insel" vom Urkontinent Godwanaland gelöste hat und immer weiter von der Küste Afrikas weggedriftet ist, ging die Evolution auf Madagaskar eigene Wege. Rund 80% der Tiere und Pflanzen sind einheimischen Ursprungs und sind so der natürlichen Selektion der übrigen Welt entgangen.
Ranomafana, der Ort der "heißen Quellen" ist seit Jahren in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen. Wo einst der Präsident seine Ferien zu verbringen pflegte, hat sich die Natur ihr Reich Stück für Stück zurückerobert. Die Brücke zu den Thermen ist längst von Zyklonen niedergerissen und selbst das ständige Wischen der Badewannen kann dem schwefeligen Gelb keinen Einhalt gebieten. Und während Bäume und blühende Oleander ein natürliches Dach über der Allee vom Hotel zur Badeanstalt geschaffen haben, leisten die verstaubten Blumenrabatten den Kindern als Torpfosten beim Fußballspielen nützliche Dienste.
Als wir in der Nacht zurück zum Zeltplatz radeln, leuchten uns Glühwürmchen den Weg und aus dem Dickicht blinken die roten Augen der winzigen nachtaktiven Mausmakis im Schein unserer Stirnlampen. Nach vier Tagen verlassen wir diese verschwenderische Natur und fahren an die Ostküste.
Steil fällt das Hochland durch den Regenwald zum Indischen Ozean ab. Einbäume, vollbeladen mit Bananen, kippeln über das träge fließende Wasser der Flüsse, die die einzigen Transportwege durch die unwegsamen Wälder sind. In Irondo gabelt sich die Straße zur Küste. Da unser Frühstück heute morgen nicht gerade reichlich war, können wir dem Duft von frischgebrühtem Kaffee nicht widerstehen und machen im Schatten einer mit Bananenblättern gedeckter Hütte halt. Mit der Frage "Misy kafe ve" lösen wir ein mittelgroßes Gekichere bei zwei jungen Mädchen aus, die verlegen an ihren Zöpfen flechten. Trotzdem verstehen sie unseren Wunsch. Schnell werden zwei Emailletassen im Waschwasser geschwenkt und mit dem schwarzen Koffeintrank gefüllt. Den Einwohnern, die neben uns mit Hühnern und Bananenkörben auf ein Sammeltaxi warten, entgeht nichts. Mit wachsamen Augen verfolgen sie, wie wir die Gaze bouffe, die goldbraunen Maniokkrapfen, vertilgen und können es nicht verstehen, daß wir unbedingt, die Strecke nach Manakara mit dem Rad fahren wollen.
Übernachten beim Dorfältesten, dem "Président du fokotany"
Vor uns liegt eine schier endlose Kette kahler Hügel. Nur wo sich etwas Regenwasser sammelt, stehen vereinzelte Wandererpalmen, die ihre Wedel wie aufgeklappte Fächer in den Himmel recken. Wo sind der dichte Wald, die satten Kaffeeplantagen, die grünen Bananenstauden? Lange Zeit begegnet uns keine Menschenseele. In einem kleinen Dorf entlang der Straße bleiben wir über Nacht. Unzählige Kinderhände helfen uns, die Räder zur Hütte des "président du village" zu schieben, der uns herzlich willkommen heißt. Auf dem Versammlungsplatz im Dorfzentrum sollen wir unser Zelt aufbauen. Gebannt beobachten die Kinder alles, was unsere Satteltaschen verläßt: ein Benzinkocher, ein Wasserfilter und selbst die speckige Landkarte sorgt für Faszination.
Am 14. Tag unserer Reise, erreichen wir die Stadtgrenze von Manakara. Wo die alten Häuser der Kaserne und ein Hochwassertank von den längst vergangenen Tagen der Kolonialzeit zeugen, empfängt uns das Militär mit einer Straßensperre. Sehr viel Vertrauen scheinen unsere zerknitterten und verschwitzten Reisepaßkopien nicht zu erwecken. Dennoch drücken die zwei Soldaten beide Augen zu und lassen uns weiterfahren.
Bei Regen wirkt der Küstenstreifen am Indischen Ozean bedrohlich. Keines der sonst so zahlreichen Boote ist zu sehen. Der Sturm peitscht durch die Palmen am Strand. Ungeduldig warten wir am Bahnhof auf die Abfahrt nach Fianar oder nur darauf, daß endlich irgend etwas passiert. Trotzig aber widersetzt sich die Bahnhofsuhr dem Zeitlauf und bleibt beharrlich auf 6 Uhr 37 stehen. Einen der Mitreisenden erkennen wir wieder. Unter seinen Füßen steht die rote Tasche, in die er gestern stapelweise Geldscheine verstaut hat. Denn die Inflation läßt Vermögen hier zum schwerwiegenden Problem werden, während der Wert der einzelnen Scheine sich mehr und mehr verflüchtigt.
Mit der Eisenbahn aus den 30er Jahren durch den tropischen Regenwald. Eine kulinarische Reise von der Küste ins Hochland
Bis unters Dach beladen mit Hühnern, Bierkästen und
Säcken voller Baguette, unter denen unsere Fahrräder begraben
sind, setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Raaataataa-klong,
ratatata-klong, holpern die Waggons vorbei an Reisfeldern und
Kaffeeplantagen, bis das Dickicht des Regenwaldes sie zu verschlucken
scheint. Über 50 Tunnels haben chinesische Arbeiter Anfang dieses
Jahrhunderts in die Berge getrieben, um Fianar mit der Küste zu
verbinden. 150 km lang windet sich die schmale Bahntrasse durch den
dichten Regenwald. Überwuchert von Bambus, Farnen und
Schlingpflanzen ziehen sich die Gleise durch die Landschaft. Beim
Anblick des Zuges unterbrechen die Menschen die Arbeit auf den Feldern
und winken ausgelassen.
Zweimal täglich öffnet der Zug das Tor zur Außenwelt
und läßt für einen Augenblick den Alltag vergessen. Er
bringt Freunde, Waren und Informationen mit sich, aber auch die
Aussicht, sich ein Zubrot zu verdienen. Frauen und Kinder stehen mit
Platten bereit, auf denen sie köstlich geröstete
Flußkrebse, frische Ananas und knusprige Blätterteigtaschen
zum Verkauf anbieten. Schnell wird der Preis verhandelt, ein Groschen
für einen Flußkrebs, Geld und Ware wechseln die Besitzer.
Weiter geht es bergauf. Das rhythmische Geratter wird unregelmäßig und verlangsamt sich bedrohlich. Raataata-Klooong. Im Schrittempo überqueren wir eine Brücke, die sich über das weite Flußtal spannt. Ratataaaa- die Räder der Lok drehen durch. Die nassen Gleise werden zur Rutschbahn. Wir rollen rückwärts. Unwillkürlich kommt uns der Waggon in den Sinn, der wenige Kilometer zuvor umgestürzt im Graben lag. Ein zweiter Versuch. Aber wieder scheitert die Lok an der steilen Schlüsselstelle. Wir schauen auf die Uhr. Seelenruhig koppelt der Zugführer die Lok ans Zugende und dann werden die Waggons zentimeterweise die Steigung hinaufgeschoben. Es ist Mitternacht, als wir nach 14 Stunden Bahnfahrt die Lichter von Fianar erkennen.
Trotz Markt und Universität gefällt uns die Stadt nicht.
Ein kurzer Besuch der Altstadt und wir verlassen Fianar. Die
Straße führt uns am Fuße der großen
Granitmassive entlang gen Westen. Immer seltener werden die Reisfelder
und die großen Zebuherden der Bara konzentrieren sich nur noch in
den Flußläufen. Bozaka, das unverwüstliche Gras,
breitet sich wie ein riesiger Teppich über den steinig kahlen
Hügeln aus. Auf den aschblonden Flächen klaffen tiefe
rotbraune Wunden, die die Erosion in die Hänge geschnitten hat.
Die rote Erde muß bluten und wenn mit dem abendlichen Wind die
Feuer entfacht werden, knistert die ganze Hochebene.
Vier Tage radeln wir durch die glühende Hitze bis nach Ioshy.
Kerzengerade zieht sich das schwarze Teerband durch die Senke bis kurz
vor die Stadt. Die Luft flimmert und läßt den Horizont zu
einer verschwommenen Masse werden. Nur noch selten überholen uns
schwankende Laster und überfüllte Taxis.
Ioshy ist Zwischenstation. Eine Verschnaufpause, ein letztes Kräftesammeln für die beschwerliche Strecke nach Ranohira. Auf den staubigen Straßen warten Bauern, Reisende und Geschäftsleute darauf, der gnadenlosen Hitze zu entkommen. Doch die wenigen Sammeltaxis sind über Stunden ausgebucht. Die Chance noch am selben Tag in den Isalo-Nationalpark, ins heilige Massiv der Bara zu gelangen ist gleich Null. Wer wollte schon nachts 40 km versandete Piste fahren? Ein letzter Versuch. Es dunkelt bereits, als schließlich zwei Lastwagen anhalten. Ohne lange zu verhandeln, erklären sie sich bereit, uns und unsere Räder mitzunehmen. Zwischen Tabakkisten und Holzkohlesäcken werden unsere Bikes verstaut, während wir thronend im Führerhaus sitzen dürfen. Mitten in der Nacht kommen wir in dem kleinen Dorf Ranohira an. Im Schein einer Kerze zeigt die "Patronne" uns die Zimmer. Obwohl wir sie geweckt haben, kümmert sie sich lieb um uns, richtet die Betten und einen Eimer frischen Wassers. Erst als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster blicken, fällt uns auf in welcher Abgeschiedenheit wir gelandet sind.
Ein Felsmassiv aus Mythen und Kalksteinen. Der Isalo-Nationalpark, ein kleines Paradies im Nirgendwo
Unberührbar majestätisch überragt das Kalksteinmassiv die endlose Hochebene um Ranohira. Nichts als mannshohes Gras, steinige äcker und das morgendliche Grunzen einiger Schweine, die in den Höfen nach Essensresten schnüffeln. Am Straßenrand türmen Frauen Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln auf bunten Tüchern zu kleinen Pyramiden auf. Frischgebackene Weißbrote finden die ersten Käufer und nur eine Stunde später herrscht reges Treiben auf der Straße. Die Kunde, daß Weiße im Dorf eingetroffen sind, hat schnell alle potentiellen Guides zusammengetrommelt. Sylvain wird uns von der Parkaufsicht vermittelt. Für drei Tage lassen wir die Räder stehen, um durch die Canyons des Massivs zu wandern.
Bepackt mit 2kg Reis, Bananen, Ölsardinen und 3 Litern Wasser
stiefeln wir los. Über 1 ½ Stunden stapfen wir
über die ausgedörrten Felder, bis wir die steilaufragenden
Felswände der Schluchten erreichen. Der Anblick ist
überwältigend. Wo gerade noch dürre Graswüste
herrschte, verwandelt plötzlich ein Bach den Canyon in einen
immergrünen Garten Eden. Am liebsten möchten wir gleich
weiterlaufen. Zuvor aber sollen wir unsere Zelte im Schatten der
großen Mangobäume aufstellen und die Ruhe genießen:
"Mora mora"- die sprichwörtliche Gelassenheit der Madagassen
spannt uns auf die Folter.
Am Eingang zum Caynon des Rats entdecken wir eine kleine Höhle mit
einer länglichen Holzkiste. "Hier bestatten wir unsere Toten",
erklärt Sylvain "erst später kommen sie in die verstecken
Höhlen da oben." Seine Hand deutet auf die entfernten Grate der
Berge. Dort dürfen die Bara nicht einmal ihre hochgeschätzten
Zebus weiden. Denn das Massiv ist das Reich der Ahnen. Im Laufe der
Jahrtausende hat der Wind die bizarrsten Formen aus den Felsen
geschnitten: Kathedralen, einen Hühnerdieb, eine Dame mit Hut.
Ganz unvermutet lädt uns am Ende unserer Wanderung eine kleine
Oase mit kristallklarem Wasser zum Baden ein. Ein
überwältigendes Stück Paradies in dieser morbiden
staubigen Einöde.
Dennoch zieht es uns weiter- an die Westküste nach Tuléar. Wie auf einer surealistischen skurrilen Kulisse stehen vereinzelte Palmen gleich versteinerter Zeugen auf der weiten Ebene. Die einzige Lebensader ist die Straße. Nicht nur Verkehr und Handel hat sie mit sich gebracht, sondern auch die Möglichkeit, in dieser unwirtlichen Gegend zu siedeln. Wasser wird in Tanklastern von der Küste antransportiert, während Holzkohle nach Tuléar gefahren wird. Der Handel ist improvisiert, feste Lieferzeiten gibt es nicht. Am Straßenrand stehen die Bauern und warten auf einen leeren Lastwagen, der mit einem Fingerzeig angehalten wird. Säcke mit Maniok werden aufgeladen und gegen ein entsprechendes Entgelt am vereinbarten Zielort abgeliefert. Nach drei Tagen erreichen wir Tuléar.
Angekommen am Kanal von Mosambik - "Wollen Sie Ihr Fahrrad tauschen ... ?"
1895 gegründet ist die Handels- und Hafenstadt eine der
jüngsten Provinzhauptstädte Madagaskars. Die breitangelegten
Boulevards und die großen Villen können ihre
französischen Architekten nicht verleugnen und trotzdem gleicht
Tuléar eher einer verlassenen Outbackstadt. Staub und Hitze
verlangsamen das Leben am Tag. Erst gegen Abend verwandeln sich die
Straßen in eine bunte Mischung aus Imbißständen,
kleinen Geschäften und Open-air Werkstätten. Ein Schneider
hat seine Nähmaschine auf dem Trottoir aufgebaut; Schuster basteln
aus alten Autoreifen Gummisandalen und an der nächsten Ecke flickt
ein Fahrradhändler mit akribischer Geduld einen Schlauch, den
bereits über 20 Flicken zieren.
" Bonjour Vazaha", begrüßt er uns mit einem breiten Lachen.
"Voulez vous trocquer les vélos?" Unsere Räder eintauschen?
Noch nicht. Denn eine Woche bleibt uns noch, die Umgebung südlich
von Tuléar zu erkunden.
So fahren wir, ohne zu ahnen, was auf uns zukommt, nach St.Augustin, dem ehemaligen Piratennest. Über die weißen Kalksteinfelsen zieht sich der Weg durch die Mangrovenwälder in den verschlafenen Ort, wo der Fluß Onilahy in die Meerenge von Mocambique mündet. Am Mittag über den Fluß zu fahren sei unmöglich, wollen uns die Bewohner klarmachen: "Der Wind ist viel zu stark". Endstation St. Augustin? Enttäuscht setzen wir uns an den Strand. Unsere Räder bleiben jedoch nicht lange ungenutzt. Immer mehr Jugendliche wollen ihre Fahrkünste testen und zwei von ihnen sind bereit, uns auf ihrer Piroge ans andere Ufer zu paddeln. Das Spiel der kräftigen Muskeln unter der dunklen Haut läßt das Boot die Wellen bezwingen.
Das Staßennetz hält so manche Überraschung bereit - schieben, schieben, schieben
Dort angekommen erwartet uns Sand, Sand und noch mal Sand.
Kopfschüttelnd sieht uns der Alte an, den wir nach dem Weg ins
Fischerdorf Anakao fragen. Weiterschieben. Bei der nächsten
Anfrage haben wir mehr Glück. "Oui, oui, mais beaucoup de sable."
Oh, ja der Weg ist versandet, aber immerhin wissen wir nun, daß
die Richtung stimmt.
Ehe wir uns versehen, umringt uns eine fröhliche Kinderschar. Wie
selbstverständlich begleiten sie uns. Ein kleiner Musicus schrappt
auf einer selbstgebastelten Klampfe mit zwei Saiten eine witzige
Melodie- schrumm, didelschrumm. Im Trott der Musik schieben wir die
Räder durch den knöcheltiefen Sand und vergessen darüber
völlig, auf den Weg zu achten. Nach und nach bröckelt unser
kleiner "Hofstaat" und da merken wir, daß wir die Orientierung
verloren haben.
Die Sonne steht schon schräg am Himmel, als wir in einen kleinen
Ort kommen. "Anakao?" fragen wir einen Mann, der gerade seine Ziegen in
den Kral treibt. "Non, non, encore 6km!" antwortet er. Noch 6 km ?! Wie
in Trance schieben wir weiter, doch Durst und Müdigkeit lassen uns
immer langsamer werden. Ausgepowert setzen wir uns in den Schatten der
kaktusartigen Pflanzensäulen und ruhen aus. Unendliche Stille.
Kein Ziegengemecker, keine Stimmen. Nur der Wind rauscht im
Dornengestrüpp. Oder ist es das Meer? Wo sind wir? Sechs Kilometer
sind längst vorbei! Glutrot geht die Sonne am Horizont unter. Fast
schlagartig wird es dunkel. Keine Chance. Weiterlaufen bei Nacht ist
unmöglich. Zu viele kleine Wege zweigen von der Strecke ab.
Entmutigt stellen wir unser Zelt auf.
Am nächsten Morgen: Stimmen! "Hörst Du, was ich höre?" Schnell satteln wir die Räder. Wenn wir nur fahren könnten! Die Schieberei scheint ewig. Endlich erreichen wir die Kuppe. Wir trauen unseren Augen nicht: vor uns liegt ein kleines Dorf mit weiß getünchter Kirche. Anakao ?! Egal- Hauptsache Menschen!
Mit der Segelpiroge zur wunderbaren Unterwasserwelt der Korallen
Die Kinder entdecken uns sofort. "Io Anakao io?". Sie nicken und
lachen. Was hätte es auch sonst sein sollen. Das kleine Dorf ist
für sie die Welt. Hier gehen sie zur Schule, helfen den
Männern die großen Schleppnetze aus dem Meer zu ziehen oder
führen einfach nur kleine weiße Krebse an einer Schnur
spazieren. Ganz selten kommen Touristen in den Safari-Vezo Club. "Die
wollen hier nur tauchen", erklärt uns André, der
Epiceriebesitzer. Die Regale seines Ladens sind leer: ein paar Dosen
Tomatenmark, selbstgebackene Kekse, Bonbons, Cola und Bier sind die
einzigen Waren. Die Schatzkammer der Vezo ist das Meer. Schon immer
waren sie die Herren der Seefahrt. Stolz zeigt uns André sein
Boot und die Tauchausrüstung. "Ihr müßt das auch
sehen", sagt er während er auf eine kleine vorgelagerte Insel
deutet. "Es ist sehr, sehr schön dort." Dann hißt er ein
quadratisches Leinensegel, um uns mit seinem Auslegerboot aufs Riff zu
fahren.
Mit Schnorchel und Taucherbrille springen wir ins türkisgüne
Wasser und versinken in eine andere Welt. Korallen "blühen" in den
prächtigsten Farben, tausende bunter Fische umschwimmen uns.
Blitzschnell hat André mit seiner Harpune einen Papageienfisch
erlegt, den er am Strand von Nosy Ve, der kleinen Insel, grillt.
"Früher gab es hier große Vögel", erzählt er,
"aber dann kamen Männer und haben sie getötet. Deshalb ist es
ein Fady, hier zu übernachten." "Was für Vögel?" wollen
wir wissen, doch André zuckt mit den Achseln. Sollte es auf Nosy
Ve den berühmten Vogel Rock gegeben haben? Wer waren die
Männer? Piraten, die später in St. Augustin ihre Siedlung
gründeten? Wir suchen nach Resten der Baracken, aber außer
Muscheln und den Bruchstücken roter Korallen findet sich auf dem
schneeweißen Sand nichts. Auch von der französischen
Handelsstation, die hier bis vor 100 Jahren existierte, ist nicht die
leiseste Spur zu entdecken.
Abschied von der großen roten Insel im Indischen Ozean
Madagaskar wird seine Geheimnisse für sich behalten. Am Flughafen in Tana fällt das Seeigelgehäuse aus der Radtasche, das uns André geschenkt hat und zerbricht in tausend Stücke. Gerne wären wir noch mal in das kleine Vezo-Fischerdorf zurückgekehrt. Doch unsere Mountainbikes sind bereits auf dem Weg zum Flugzeug und in nur wenigen Minuten wird für uns die "große rote Insel" wieder als kleiner Punkt im weiten Ozean verschwinden.
