Reiseberichte


Mit dem Rad ins Paradies

Eine beschwerliche, aber abenteuerliche Rundreise durch Madagaskar
Von Dietmar Böhm.

Madagaskar mit dem Fahrrad erkunden, bedeutet, alle Vorstellungen einer wohlorganisierten Fernreise über Bord zu werfen und all den gewohnten Komfort dazu. Dafür wird man belohnt mit ursprünglicher Natur und atemberaubenden Landschaftsbildern.


Die Panne passiert gleich wenige hundert Meter hinter dem Flughafen. Mit einem lauten Knacks verabschiedet sich die Schaltungsmechanik am Hinterrad meines Gefährts. Minuten später mühen sich drei hilfsbereite junge Madagassen mit mir, das schwer bepackte Bike über einen kleinen Hügel zu schieben. Das wichtige Ersatzteil lässt sich schließlich auf dem Schwarzmarkt auftreiben.

Mein erster Ausflug mit dem Velo führt mich über eine der wenigen guten Asphaltstraßen zwischen sanft bewaldeten Vulkanhügeln hindurch nach Ampefy. Der kleine ruhige Ort liegt etwa 130 Kilometer westlich von Tana am Ufer des Kavitaha-Sees.

Dunkle Wolken

Statt wie geplant zur vielgelobten Insel Nosy Be zu fliegen, starte ich meine Exkursion von Sambava aus, einem kleinen Ort an der nördlichen Ostküste. Dunkle Wolken lassen nichts Gutes vermuten, und bald schon entlädt sich ein heftiges Tropengewitter. Die Wassermassen verwandeln die Straße minutenschnell in eine Seenplatte.

Aus dem Regenwald steigt ein würziger Duft von Vanille auf. Chamäleons verstecken sich in den Sträuchern am Straßenrand, bunte Frösche hangeln sich an den Bäumen hoch, eine große Boa verschwindet gemächlich in den nahen Wald. Aber keine Angst, gefährliche Tiere gibt es auf Madagaskar nicht.

Auf der Piste nach Antalah wird mir nichts geschenkt. Tiefer Sand zwingt immer wieder zum Absteigen, in tiefen rotgelben Pfützen versinkt das Bike bis über die Achsen.

Kurze Verschnaufpause

Dichter Regenwald wechselt mit weiten Graslandschaften, die an Golfplätze erinnern. Hier beginnt das wohl unberührteste Urwaldgebiet Madagaskars: die Halbinsel Masoala. Dicht an atemberaubenden Stränden vorbei führt die beschwerliche Piste immer wieder durch kleine Ansiedlungen. Freundliche Menschen bieten Wasser, einfaches Essen oder tropische Früchte an. An einem großen Fluss ist erst einmal Endstation - der letzte Zyklon hat die Brücke zerstört. Die Fahrzeuge werden mit abenteuerlich anmutenden Fähren über den Strom gebracht. Ein Lastwagen nimmt mich mit hinüber und als der Fahrer mir anbietet, bis Antalah auf der Ladefläche zu bleiben, sage ich wegen schmerzender Kniegelenke nicht nein.

Nur 50 Kilometer weiter beim Cap Est gibt es ein Restaurant mit Bungalows und einem Traumstrand. Das Residence du Cap, ein kleines Paradies am Ende der Welt, gehört dem Südafrikaner George van Schalkwyk, der sich leidenschaftlich für Naturschutzprojekte einsetzt. Hier in der Regenwaldregion soll einmal der größte Naturpark von Madagaskar entstehen. Die Tage vergehen mit Ausflügen in die Mangrovensümpfe, mit der Beobachtung von Krokodilen und schillernden Vögeln wie im Fluge.

Eine Woche später bringt mich ein kleines Flugzeug nach Maroansetra. Mit einem Fischkutter geht es gleich weiter nach Nosy Mangabe, einer Insel in der Bucht Atongil mit undurchdringlichem Regenwald und kleinen Wasserfällen. Als Naturschutzgebiet ausgewiesen, ist der Besuch nur mit Sondergenehmigung möglich.

Schwerer Abschied

Zwölf Stunden dauert die Überfahrt mit einem kleinen Frachter nach Nosy Boraha, einer touristisch etwas erschlosseneren Insel. Leider bleibt die "Radel-Reise" in den Wassermassen stecken, die sich immer wieder aus dem dunkelverhangenen Himmel ergießen. 40 Kilometer hinter Tamantave werfe ich schließlich das nasse Handtuch und verlade Bike und Gepäck auf dem Busdach.

Aber der Abschied von einer Welt, die so ganz anders ist als in unseren Breitengraden, fällt schwer.

Wissenswertes

Beste Reisezeit ist die Winterzeit von April bis Oktober. Für die Einreise ist bei einem der Konsulate ein Visum zu beantragen.
Radeltouren, die auf höchstens vier Personen begrenzt sind, organisiert auf der Insel Dieter Popp mit seinen Mungau Tours. Kontakte über Ute Popp Telefon (0 97 23) 75 67 oder über den Autor Dietmar Böhm Telefon (09 11) 49 80 31, Fax 46 46 38.
Einreise mit dem eigenen Rad: Gut verpackt, mit abgeschraubten Pedalen und quer gestelltem Lenker kann es zusammen mit dem Freigepäck aufgegeben werden - 20 kg! Im Land selbst wird das Rad auch vom Taxi-Brousse, Überlandbus (Tana - Tamantave), Zug und Flugzeug mitgenommen. Fahrradgeschäfte gibt es zwar in Tamantave und Tana, diese sind aber nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik, also wichtige Ersatzteile und Werkzeug besser mitnehmen.